Nur eine Achterbahnfahrt

Nur eine Achterbahnfahrt

Montag, 22. Apr.

Die Entscheidung, neben wem ich sitze, ist wichtig für mich. Es gibt Momente, in denen ich eine Schisserin bin, Momente wie diesen hier. Also fordere ich die Bereitschaft meines Sitznachbars ein, dass ich eine Hand zum Halten bekomme. Es geht los, wir setzen uns hin. Den Gurt mache ich sofort zu. Warum auch nicht, bin ich denn lebensmüde? Er wird dreimal von mir selbst kontrolliert, einmal von dem Sicherheitspersonal. Ich rede dummes Zeug und mache Witze, weil das meine Art ist, mit Aufregung umzugehen.

„Haben Sie bei ihrer ersten Fahrt mit dieser Achterbahn geschrien?“, frage ich den Sicherheitsbeauftragten.

„Die ist neu und ich arbeite noch nicht lange hier. Erzähl später mal, wie es war“, bekomme ich mit einem Grinsen seinerseits als Antwort.

Er hätte einfach lügen sollen, hätte die Fahrt verharmlosen können, um meine Aufregung zu dämpfen.

Meistens kommen mir erst zu spät Gedanken wie: „Hätte ich nicht mitfahren sollen?“ Etwa in dem Moment, in dem der Wagon ins Rollen kommt und das klack klack klack der Zughilfe Einsatz. Ich sage nur zu den Fahrgeschäften ja, die unangenehm hoch und schnell sind. Das Gefühl im Bauch ist bei den rasendschnellen Fahrgeschäften nicht schlimmer als bei einer Schiffsschaukel. Aber das Erlebnis lohnt sich einfach mehr. Kosten – Nutzen – Vergleich, wie man in der Wirtschaft sagt.

Ich möchte dir das Achterbahnfahren nicht madig reden. Von mir aus kannst du total abgehen, wenn du auch nur über Freizeitparks nachdenkst. Aber ich persönlich bin eher so die Anti-Fanatikerin. Meine Gedanken sind beispielsweise:

Während des Hochfahrens: Oh oh, höher als es aussah.

Oben angekommen, der Wagon bleibt stehen: Gott bewahre, warum immer hier?

Wenn die Fahrt losgeht: Wieso mache ich das hier eigentlich?

Wenn es dann vorbei ist: War nicht so gut, wie erwartet.

Wenn meine Freunde schon zum nächsten Fahrgeschäft laufen: Auf in die Schlacht.

Meine Freunde dürfen aus diesem Erfahrungsbericht gerne mitnehmen, dass ich mir schönere Aktivitäten vorstellen kann. Aber euch als meine Leserschaft habe ich jetzt vielleicht neugierig gemacht, worauf ich mit diesem Vergleich im eigentlichen Sinne hinaus möchte? Es geht um das Gefühl, das ich währenddessen verspüre und das Warum mache ich das hier?, worauf es keine Antwort gibt. In Hamburg gibt es dreimal pro Jahr einen großen Dom, auf dem alle möglichen Fahrgeschäfte stehen. Ich gehe gerne dorthin, aber du bist ein Genie (oder ein sehr attraktiver, junger Mann), wenn du mich in eines der Fahrgeschäfte bewegen kannst. Mir fehlt einfach das „Warum?“, das „Wofür?“, (das „Wer hält mir die Kotztüte?“)

Ich bin nicht zufriedener, nachdem ich Achterbahn gefahren bin.


Vielleicht ist es ein Zufall, dass ich gerade heute einen Text von Aristoteles über das persönliche Glück für mein Ethik-Tutorium lesen musste. Denn das ist das Thema, was mich immer wieder zum Nachdenken bewegt und das, worum sich dieser Artikel drehen soll. Ja, ich bin ein sehr verkopfter Mensch. Es passiert häufig, dass ich meine Handlungen, Wünsche und kurzfristigen Ziele hinterfrage, um herauszufinden, ob ich wirklich zufriedener werde, indem ich etwas tue. Und es beruhigt mich, dass Aristoteles sich ebenfalls mit dieser Frage beschäftigt hat (ich denke, ich darf mich deshalb als normal bezeichnen):

„Wenn es nun für das, was wir tun, ein Ziel gibt, das wir um seiner selbst willen wünschen […] wird nun das Erkennen dieses Gutes (des Ziels) nicht auch großes Gewicht für die Lebensführung haben, und werden wir dadurch nicht wie Bogenschützen, die einen Zielpunkt haben, eher das Richtige treffen?“

Erstes Buch, Das Glück als Ziel des Menschlichen Lebens, 1.-5. Das Glück als bestes Gut, Seite 44

Mir wurde erklärt, dass es eine hoch angesehene Kunst ist, den Inhalt so verständlich wie möglich zu vermitteln. Letztendlich bringen die kreativsten Wort-Aneinanderreihungen nichts, wenn ein Mensch die Freude daran verliert, sie verstehen zu wollen. Bevor das passiert, möchte ich noch einmal weniger künstlerisch in eigenen Worten zusammenfassen, was dort heruntergebrochen geschrieben steht. Aristoteles möchte in meinem gewählten Zitat auf seine Art darauf hinweisen, dass ein Ziel im Leben dafür sorgt, dass man sein Leben (subjektiv betrachtet) angenehmer gestaltet.

Es ist so viel unkomplizierter, eine Entscheidung zu treffen, wenn man sie vor einem konstanten Hintergrund trifft. Also etwas wie… sagen wir einer persönlichen Überzeugung. Zu Beginn habe ich über das Achterbahnfahren erzählt. Darüber, dass ich nicht klar sagen kann, warum ich es mache. Vielleicht ist dem einen oder anderen Leser aufgefallen, wie negativ alleine meine Form des Erzählens war. Um den einfachsten Grund dafür zu nennen: Ich habe keine Antwort darauf, warum ich etwas tue, worauf ich sowieso keine Lust habe. Fassen wir zusammen, gibt es zwei Haken an dieser Geschichte: Erstens fehlt das Warum und zweitens fehlen positive Gefühle, die eine Antwort auf das Warum liefern könnten.

Ich weiß, dass die Konzentrationsspanne unseres Schusses verkürzter ist, als (angeblicherweise) die der Generationen, die ohne Handy aufgewachsen sind. Deshalb kannst du dich auf einen Part Zwei zu diesem Thema freuen, in dem ich darüber berichte, was dich garantiert noch mehr interessieren wird. Denn es ist deutlich spannender zu erfahren, was einen Menschen glücklich macht als das zu hören, was einen Menschen unglücklich werden lässt, nicht wahr?

Bevor wir so weit sind, müssen wir reinen Tisch machen. Ich habe euch, meiner Leserschaft, gebeichtet, dass ich Achterbahnfahren absolut nicht mag. Deshalb wüsste ich gerne, wozu dich keine zehn Pferde bekommen würden.

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