
Poesie
Donnerstag, 18. Juli
Weißt du, was Poesie ist?
Aus dem Fenster der Bahn schauend, erinnere ich mich.
Das „Künstlerauge“, sagte mein bester Freund, als wir uns über die Weltansicht unterhielten. Jeder hat eine andere. Das wussten wir, aber stellten es in diesem Moment erneut fest.
„Wenn du dir die umherlaufenden Hunde anschaust, betrachtet der dir entgegenkommende Fußgänger die Bauweise des Industriegebäudes gegenüber, und wieder ein anderer interessiert sich für das Arm-in-Arm sitzende Paar in Vertrautheit auf der Parkbank“, hielten wir unser Gespräch fest.
Die Welt wird auf so viele verschiedene Arten gesehen. Darüber nachdenkend fahre ich mit der Bahn und warte auf die Station, vor der zu jeder Jahreszeit die zwei Boote im Wasser liegen. Da waren sie gerade. 7:42 Uhr morgens, und sie liegen genau so, wie ich sie erwartet hatte. Die Seerosen, die sie umrahmen, werden nur mehr. Und dann schaue ich weiter, sehe etwas Glänzendes. Die Glaswand des Treppenaufgangs zeichnet die Spiegelungen der hochlaufenden Menschen nach. Wie häufig ich die Spiegelungen anschaue, statt der gespiegelten Objekte. Ein Mann ist auf dem Weg zur Arbeit, denke ich. Aber mich interessiert nur, wie die Zeitschrift in seiner Hand gefaltet ist. Die Seiten scheinen ziehharmonikaartig aufgefächert. Ein Mann in der Vierersitzgruppe mir schräg gegenüber schließt gerade seinen Aktenkoffer, doch mein Blick konzentriert sich auf den glänzenden Riemenverschluss, den er zusammenzuschieben versucht. Ein Mädchen trägt ein Kuchenblech, dessen Aluminiumüberdeckung glitzert und an eine Discokugel erinnert. Ich schaue weiter. Mittlerweile ist der Blick nach draußen grün. Grün. Grün. Aber zweimal schaue ich auf die Efeuranke, die sich nur mit einer einzigen anderen den Weg an einem Zaun entlang nach oben erkämpft. Zweimal hinschauen bedeutet, dass etwas mehr als nur auf den ersten Blick schön ist. Denn vor allem bildet es einen Kontrast zu dem Ausschnitt um es herum. Fast bin ich bei der Arbeit angekommen. Dort an der Bushaltestelle aussteigend, bemerke ich immer wieder, wie friedlich die Stadt sein kann, wenn man sich nicht gerade im Kern aufhält. Hier fliegt ein Spatz vorbei, dort fallen Blätter zu Boden und die Oberfläche des Teiches ist so klar, dass ich jeden Kieselstein am Boden erkennen kann. Vor dem Gebäude wartet ein geliebter, alter Mini Cooper auf seinen Einsatz. Ich bleibe stehen, schaue erst. Klick. Ich habe das Bedürfnis, ihm meine Achtung für seinen Zustand auszudrücken und mache ein Foto.
8:30 Uhr, die Arbeit beginnt.
Manchmal denke ich, meine Kreativität wäre verlorengegangen, als ich die Schule beendet habe. Dann erfahre ich in einem kurzen Gespräch, dass ich weit davon entfernt war, meine Liebe zum kreativen Denken gegen logische Gedankengänge einzutauschen.
Darum drehten sich heute meine Gedanken. Ich würde viel dafür geben, die Denkweise eines anderen Menschen ausprobieren zu können.
Was ist also Poesie? Ich stelle fest, dass ich keine Peilung habe, während meine pink lackierten Nägel glitzernd und strahlend die Tasten drücken.
Wenn wir in einem Raum sitzen, dann achte ich vielleicht auf die Form der Deckenbeleuchtung, während du auf… was schaust?
Ich frage mich, was dir jetzt in diesem Moment auffällt und würde es gerne von dir wissen, lieber Leser!

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