Modelschiff

Modelschiff in einem Restaurant, Colonnaden (Hamburg)

Samstag, 3. August

Modelschiff

Ich lag auf dem Sofa, jedoch in einem ausgesprochen ungünstigen Moment. Geburtstage feiert man normalerweise am Tisch mit dem Geburtstagskind, nicht einen Raum weiter entfernt von den Feierlichkeiten. Doch der Körper macht, was er will, und wenn man sich schlecht fühlt, fühlt man sich eben schlecht. Der Wille: mir ist nicht schlecht, mir soll es gut gehen, ändert nichts daran. Leicht übel und schwindelig liege ich also im abgedunkelten Arbeitszimmer meines Großvaters auf dem Sofa, während im Nebenraum der 92. Geburtstag meiner Oma im engen Familienkreis gefeiert wird.

Dem Bedürfnis nach Ablenkung nachgehend, schaue ich mir zum hundertsten Mal in meinem Leben die Glasvitrine an, die in den Wandschrank eingebaut ist, der die gesamte gegenüberliegende Seite des Zimmers einnimmt.

Diese Vitrine ist, ohne zu übertreiben, die interessanteste, die ich je gesehen habe. Seitdem ich denken kann, hat sich keiner der Gegenstände verändert oder wurde bewegt. Dennoch schaue ich bei jedem Besuch hinein.

Für mich ist sie ein kleines Lebenswerk. Das ist sie wahrscheinlich nicht in erster Linie, sondern eher ein Ort, um die Gegenstände vor Staub zu schützen. Dennoch haben all diese Dinge zweifellos einen hohen Stellenwert für meinen Großvater.


Es gibt kein Foto von der Vitrine. Damit du als Leser ein Bild von dem faszinierenden Glaskasten bekommst, erkläre ich gerne, was dort zu sehen ist: Verschiedene Edelsteine, Mineralien, kleine Glasampullen mit Sand aus unterschiedlichen Wüsten und all das um zwei große, aus Holz gefertigte Modellschiffe drapiert.

Heute, am 2. August, habe ich erfahren, dass mein Großvater die Schiffe komplett selbst gebaut hat. Jede einzelne Schiffsplanke hat er zurechtgesägt und geformt, die feinen Masten rund werden lassen, die kleinen Fäden als Seile selbst gespannt und die Segel hat meine Großmutter passend zurechtgenäht. Die Farbe wurde ordentlich an die Außenfassade gemalt und selbst an Details wie den Schiffsnamen wurde gedacht. Ich hätte nicht erwartet, dass diese Modelle von ihm selbst angefertigt wurden. Sie sehen aus, als wären sie vor einigen Jahren getätigte, gut gewählte Käufe gewesen, nicht das Ergebnis einer Freizeitaktivität.

Vor mir habe ich in diesem Moment eine Eichenholzplatte liegen (ein Küchenbrett). Sie ist quadratisch, unbehandelt und liegt platt wie eine Flunder auf dem Tisch. Ich habe keine Ahnung, wie daraus ein Modellschiff entstehen könnte. Würde sie vor meinem Großvater liegen, hätte er sicherlich schon ein Bild vor Augen. Je länger ich darüber nachdenke, was er, was andere Menschen um mich herum, in ihrer Freizeit ausprobieren, desto mehr überlege ich, warum der Gedanke „ich schaue mir auf Instagram kurz ein paar Reels an, um mich zu entspannen“ so verlockend für mich klingt, wo ich doch ohne es selbst probiert zu haben anderen Personen für ihre Hobbys Bewunderung entgegenbringe.

Ich könnte jetzt philosophisch abschweifen und über qualitativen und quantitativen Hedonismus sprechen. Stattdessen belasse ich es dabei, euch mitzuteilen, dass ich heute überzeugt wurde, meine Freizeit in interessante Hobbys zu investieren.


Falls meine Überlegung dich, meinen lieben Leser, auch dazu inspiriert haben könnte, ein neues Hobby anzugehen, welches wäre das in diesem Fall?

Soviel kann ich verraten: in meiner Familie gibt es schon einen Modelschiff- Bauer. Ich suche mir also auch etwas anderes!

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