
Ein,Zwei,Drei Menschen
Montag, 7. Okt.,
„Warum lässt du zu, dass dieser Mensch dich verändern möchte?“
„Weil er ein Teil meines Umfelds ist. Du beeinflusst mich genauso sehr. Ich möchte nicht betonen, es zulassen zu wollen. Dabei sollte nur eine Tatsache ausgesprochen werden, die ich verstanden habe.“
Wenn ich mich umschaue, sind sie überall: auf der Straße neben mir, auf einem Balkon über mir, und sollte ich im Flugzeug sitzen (wie in diesem Moment), dann sind sie unter mir: Menschen.
Sie – wir – ihr seid überall. Und ich liebe es. Alleine in der Stadt umherzulaufen bedeutet, zwischen Menschen zu sein, die man (noch) nicht kennt, währenddessen in der Gesellschaft von Menschen zu sein bedeutet, zwischen Menschen zu sein, die man gut kennt. Mir gefällt es, mit meiner Umwelt zu leben. Am Versuch, eine Person auszublenden, würde ich bitterlich scheitern. Die Persönlichkeit eines Menschen wahrzunehmen, würde ich dahingehend zu meinen Stärken zählen, um einmal betont abgehoben zu wirken.
Wie kommt es zu dem heutigen Thema, fragst du dich vielleicht? Absurderweise brauchte es keinen erleuchtenden Moment, keinen besonderen Anlass. Mir kam zum hundertsten Mal in den Sinn, wie sehr ich die inspirierenden Worte meiner nichtsahnenden Mitmenschen schätze. Wie viel Kraft in den Worten „Das war ein schönes Treffen“ oder „Unser heutiges Gespräch hat mir sehr gefallen“ liegt, erklärt sich fortlaufend von ganz alleine.
Heute ist mir wieder einmal bewusst geworden, dass ich sehr aktiv auf Menschen in meinem Umfeld reagiere. Dabei ist es egal, ob das Gesicht ein bekanntes ist oder ob wir gegenseitige Unbekannte sind. Die Dynamik zweier Personen entsteht in dem Moment, in dem man aufeinandertrifft, und endet, sobald sich die Wege trennen.
Ich habe verstanden, dass ich nicht bei jedem Menschen die gleichen Persönlichkeitszüge an mir selbst zeige. Einige Charaktereigenschaften werden nicht benötigt, andere wären überflüssig oder in unserer gemeinsamen Dynamik fehl am Platz. Um in diesem Zusammenhang zwei bekannte Redewendungen zu nennen:
„Ich mag es, wie ich bei dir bin.“
„Du bringst die schlimmsten Seiten an mir zum Vorschein.“
Darüber nachdenkend, wie vielfältig die in mir existierenden Charaktereigenschaften und Emotionen kombinierbar sind, möchte ich ein paar Verhaltenseigenschaften aufzeigen, die unterschiedliche Menschen alleine durch ihre Gegenwart und unsere zwischenmenschliche Dynamik in mir hervorrufen. Zwar werden keine Namen genannt, aber ich denke dabei explizit an vier bestimmte Menschen, die in den letzten Wochen einen prägenden Eindruck bei mir hinterlassen haben.
Bei einer Freundin bin ich:
mutig, durchsetzungsfähig, aufmerksam, behauptend, provokant, entschlossen, diskussionsfreudig, überzeugt, argumentationssuchend.
Bei einem Mann, der mir gefällt, bin ich:
liebevoll, aufgeschlossen, zuhörend, friedlich, nachdenkend, zufrieden, überlegend, ruhig, entgegenkommend, großherzig, aufmerksam, humorvoll, kreativ, glücklich.
Bei einer Ballerina bin ich:
neugierig, spontan, kreativ, unternehmungsfreudig, aufgeschlossen, energiegeladen, angespannt, aufmerksam, aufnahmefähig, lernend.
Bei einem engen Freund bin ich:
spontan, glücklich, reflektierend, abenteuerlustig, dankbar, rücksichtsvoll, locker, abwägend, beeinflussbar, offen, chaotisch, liebevoll, nachsichtig, verzeihend.
Um nur ein paar verschiedene Kombinationen zu nennen. Jeder dieser Menschen denkt, agiert und wirkt durch seine individuelle Art und Verhaltensweise völlig unterschiedlich auf mich. Letztlich ist diese Zusammensetzung an variablen Charakterzügen schier endlos kombinierbar und bietet so viel Potenzial. Es gefällt mir schlicht und einfach, durch den Kontakt mit verschiedenen Menschen diese unterschiedlichen Seiten, vielmehr noch „Kombinationen meiner eigenen Charakterzüge“, an mir selbst zeigen zu können. Ich merke es an der Art und Weise, wie ich kommuniziere, handle, rede, denke und sogar Pläne für die Zukunft mache, während und nachdem zwischenmenschlicher Kontakt entstand.
Offensichtlich zeugt es von Verletzlichkeit, zuzugeben, so leicht beeinflussbar zu sein, da allein der Kontakt zu unterschiedlichen Menschen dafür sorgt, in völlig unterschiedliche Denk- und Verhaltensmuster zu verfallen. Doch um ehrlich zu sein, öffne ich mich ganz bereitwillig und aus purem Egoismus eben genau so schnell, wie es in diesem Artikel den Anschein macht.
Wieso das der Fall ist, mag erst mit der folgenden Erläuterung auf Verständnis stoßen:
Es gehört ein Risiko, Kontrollverlust und letztlich auch die Bereitschaft des Besserbelehrtwerdens dazu, so musste ich feststellen, um inspiriert und nachdenklich aus einer Kontaktsituation mit einem anderen Menschen herauszugehen. Gelegentlich lässt sich in einer Konversation entdecken, dass die eigenen Vorstellungen bezüglich eines Themas bestätigt werden können, und so werden die persönlichen Überzeugungen gefestigt – dem Gegenüber sei Dank. Denn ohne eine zweite Meinung wäre meine eigene nicht viel wert gewesen, sage ich. Meinen Erfahrungen nach reicht die fantastische Vorstellung eines Plans nicht als Indikator einer erfolgreichen Umsetzung. Auf gut Deutsch gesagt, soll das bedeuten, dass viele persönliche Überzeugungen nur in den eigenen Gedanken herrlich erscheinen, in der Realität aber schnell als ungeeignet identifiziert werden. Natürlich gebe ich an dieser Stelle zu, durch Gespräche vor vielen dämlichen Entscheidungen bewahrt worden zu sein.
Oberflächlich betrachtet, scheint eine Idee wie „Ich mache mich selbstständig mit xyz“ so lange machbar, bis man zu dem Vergnügen kommt, mit einer bereits selbstständigen Person in ein Gespräch zu kommen. Danach ist dieser Wunsch nicht unbedingt verflogen, jedoch ist mit einem gesteigerten Respekt in Bezug auf die allumfassende Aufwändigkeit dieses Unterfangens zu rechnen.
Im Zuge des Themas „zwischenmenschlicher Kontakt“ ist mir im Übrigen ein ganz besonderer flüchtiger Moment in Erinnerung geblieben. Eine Begegnung war es, die ich meine. Weder Tag noch Jahr könnte ich genau zuordnen. Was ich weiß, ist, dass ich in einem Flugzeug saß, am Platz neben dem Gang. Ich hatte mein aktuelles Buch herausgeholt, das ich begann zu lesen: Wie man Freunde gewinnt – von Dale Carnegie. Ein Mann in meiner Reihe, der ebenfalls das Los des Gangplatzes gezogen hatte, sprach mich auf das Buch an. Wir redeten auf diesem Flug nicht allein über den Inhalt des Buches, vielmehr berichtete er, in welchen Lebenssituationen sowohl er als auch sein selbstständiger Sohn von den Worten des Autors profitieren konnten. Letztendlich gab er mir die E-Mail-Adresse seiner Tochter, die ich mit Fragen zu meinem angehenden VWL-Studium hätte bombardieren dürfen. Was vielleicht gelesen ein wenig zu offensiv wirkt, entwickelte sich dennoch aus einer nicht unangenehmen, sehr abwechslungsreichen Unterhaltung mit einem Menschen, der mir nicht bekannt war und dennoch einen nachhaltig positiven Eindruck bei mir hinterlassen hat. Aus unserer Begegnung konnte ich bis heute eine Lehre ziehen. Was wie ein Einzelfall wirkt, ist für mich zu einer erfrischenden Selbstverständlichkeit geworden. Ich erinnere mich an die Bahnfahrt mit einer älteren Dame, die Kunstprofessorin an internationalen Universitäten war, an das Gespräch mit einem Verlagsinhaber auf einer Weihnachtsfeier, an eine Reisende, die für einige Tage eine Freundin in Hamburg besuchen wollte und sich in einem Café für den Platz an meinem Tisch entschied…
Ich könnte niemals allein an mir all diese Vielfältigkeit entdecken, hätte ich den Input der Umwelt nicht. Auch wären so viele der existierenden Gedanken und letztlich Ziele, die ich gefasst habe, nicht entstanden, hätten andere Menschen mir nicht diese unzähligen Gedankenanstöße und mögliche Kombinationen von Charakterzügen demonstriert.
So fasse ich die heutige Erkenntnis meinerseits wie folgt zusammen:
„Wenn ich auch bei einigen Menschen präsenter in meiner Persönlichkeit bin, so werden zwei, werden drei Personen nicht dieselbe Vielfalt an Charaktereigenschaften in mir hervorheben, wie es vier, wie es fünf Personen tun werden.“
Es war mir eine Freude, euch berichten zu wollen, wie sehr mir eure Gegenwart im Leben gefällt, liebe Leser.

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