Ich wollte verstehen,

West New York, Samstag, 7. dez. ´24

Ich wollte verstehen,

(Donnerstag, 5. Dez,) Mittwoch, 11. Dez,

Ich sitze gerade zum ersten Mal in einem Flieger, der mich in die USA, New York, befördern wird. So ein Flug umfasst einen zeitlichen Rahmen, der mehr oder minder das „Zeit totschlagen“ von mir einfordert. Die ersten Stunden verflogen, doch nun bahnte sich Langeweile an. Enden tat die Suche nach einer Beschäftigung in den gespeicherten Word-Schriften auf meinem PC. Manchmal wundere ich mich, welche meiner Gedankengänge dort abgelegt und vergessen wurden. Heute jedenfalls möchte ich einen von ihnen aufgreifen, der trotz des Verstreichens einiger Monate sehr interessant zu bleiben scheint.

Ich schrieb also: Eine Lektion kann ich benennen, nach der sich mein ganzes Leben auszurichten scheint: Wenn ich zufrieden mit mir und meinem Leben sein möchte – ganz ohne Beziehungspartner, ja ohne überhaupt in Gesellschaft zu sein, dann sollte ich mich niemals mit einem anderen Menschen vergleichen. Gesagt sei deshalb, dass ich alleine mir als Maßstab für meine Zufriedenheit diene. Ohne auf äußere Umstände zu reagieren, werde ich in dem Moment mit mir selbst zufrieden sein, in dem ich meine ursprünglichsten Charaktereigenschaften wiederentdeckt habe. Es seien Teile meiner Persönlichkeit, die schon immer da waren. Denn was sie auszeichnet, ist schlicht und einfach die wundersame Fähigkeit, dass diese Persönlichkeitsmerkmale keinen Kraftaufwand für mich bedeuten. Sie gehen so leicht von der Hand, dass nicht einmal ein zweiter Gedanke gefasst werden muss, der die Handlung hinterfragt, ehe sie geschehe. Bei mir handelte es sich dabei schon immer darum, das ausgesprochen Schöne zu sehen. Beispielsweise die Art, wie das Licht auf eine Statue fällt. Oder die Sprachgewalt, die hinter der Verwendung von stilistischen Mitteln steckt.

So darüber grübelnd gestehe ich, dass ein müheloses „in den Tag leben“ und dabei zweifelsohne mit Bravour bestehen schlicht verlockend klingt. Ein Leben, in dem ich bewusst die Dinge mache, die mir ohnehin leichter von der Hand gehen, klingt deutlich reizvoller als das, was ich als meine derzeitige Realität bezeichnen würde. Meiner Meinung nach sollte jeder Mensch seinen Weg gehen dürfen, wie er oder sie es wünscht. Aber für meine Art der Lebensgestaltung wurde verhältnismäßig viel Unverständnis aufgebracht. Erst in dem Moment, in dem ich ein ausführliches Gespräch mit Freunden geführt habe, die meine Lebensentscheidungen nicht nachvollziehen konnten, wurde der Sinn hinter der Vielzahl von widersprüchlichen Entscheidungen erkannt.

Der Grund für die seltsame Art, auf die ich Entscheidungen treffe, ist ein immer andauernder Zwiespalt, in dem ich mich befinde, seitdem ich denken kann. Die Ratschläge der Menschen in meinem engeren Umfeld waren schon immer konträr zu dem, was meiner eigentlichen Persönlichkeit entspricht. Während der Wunsch in mir existierte, meine grenzenlose Fantasie als Werkzeug meines Schaffens zu verwenden, wurde mir stets zu rationalen und realitätsnäheren Strategien geraten. Bis zu dem heutigen Tag habe ich deshalb eine Stimme im Ohr, die behauptet: „Damit kann kein Geld verdient werden“ oder „Du wirst damit nicht erfolgreich sein.“ Von meinem jetzigen Standpunkt aus würde ich behaupten, Schwäche gezeigt zu haben, weil ich den Worten anderer Personen mehr Bedeutung geschenkt habe als meinen eigenen Bedürfnissen. Hätte ich auf mich gehört, wäre ich auf dem Gymnasium nicht in das Wirtschaftsprofil, sondern in das Kunstprofil gegangen. Jeder Mensch kann in wenigen Minuten erahnen, dass ich meine kreative Ideenwelt auslebe, nicht die rational-logische. Hätte ich in der Wahl meines Studiengangs auf mein Bauchgefühl gehört, wäre die Entscheidung auf ein literarisches Studium gefallen. Und doch findet man mich im Volkswirtschafts-Studiengang wieder. Dort, wo es um Wirtschaftswachstum, das Berechnen von Optimalwerten und das Betrachten von preislichen Veränderungen auf dem Gütermarkt geht.

Keine dieser Entscheidungen wäre eine, die ich bereuen würde – im Gegenteil! Mittlerweile ist das „gegen meinen Instinkt“ handeln besonders in Entscheidungen, die meine Bildung beeinflussen, die Strategie, die ich am liebsten fahre. Durch die eingeschlagenen Pfade konnte ich lernen, dass ich meine Stärken aus freier Willenskraft heraus gerne in meiner Freizeit auslebe. Meinen Schwächen würde ich mich in dieser Zeit nicht widmen. Wichtige Thematiken wie mathematische Zusammenhänge, wirtschaftliche Abläufe und gesellschaftsprägende Strukturen wären Aspekte des Lebens, vor denen ich mich vielleicht bereits in der Schulzeit verschlossen hätte. So jedoch würde ich behaupten, eine umfassendere Perspektive erhalten zu haben, die nicht alleine mein Wohlbefinden ebnet, sondern die Omnipräsenz von Vielfältigkeit in sämtlichen Formen verdeutlicht. Das Leben wird interessanter, wenn nicht alleine ein Betrachtungsweg existiert, sondern unzählig viele. Die Betrachtung der Gebäude hier in New York erfolgt für mich im ersten Moment auf künstlerische Art und Weise: zunächst nehme ich wahr, wie harmonisch die Materialzusammensetzung ist oder wie interessant die Struktur der verwendeten Materialien wirkt. Nach einem Perspektivwechsel überlege ich, ob sich die investierten Geldmengen finanziell bereits rentiert haben könnten. Und nach noch längerem Überlegen kommt der Gedanke, wie viele Menschen von dem Bau dieses Gebäudes profitiert haben könnten. Im nächsten Moment frage ich mich, wie umweltschonend die verwendeten Materialien sein könnten.

Obwohl ich gerade noch die Wirkung der Multiperspektivität gelobt habe, rudere ich jetzt ein Stück zurück. Der Punkt, der gemacht werden soll, ist schließlich jener, dass das bewusste Ausleben der eigenen Stärken unabhängig von äußeren Einflüssen geschehen sollte. Ich stehe für mich ein, wenn ich frage: Wer sollte deine Stärken besser kennen als du selbst?

In einer Gesellschaft, in der so viele Arten existieren, auf die man leben kann, passiert es schnell, dass man selbst ein Leben lebt, das gar nicht für einen bestimmt ist.

Ich werde in einigen Bereichen meines Lebens nicht aufhören, gegen meinen Instinkt zu entscheiden. Denn diese Strategie hat mich mehr über meine Schwächen und die Perspektivoffenheit gelehrt, als es das Ausleben meiner Stärken schaffen könnte. Aber mittlerweile würde ich meinen, zumindest rudimentär meine Stärken erkannt zu haben. Und als junge erwachsene Frau ist es an der Zeit, dem Ausbau meiner Stärken mehr Zeit zu schenken, als ich es bis zu dem heutigen Tag getan habe.

Du kannst mich dabei begleiten, während ich mich das erste Mal in meinem Leben ernsthaft meinen Stärken widme. Aber mittlerweile sind wir in diesem Blog an einem Punkt angelangt, an dem bekannt ist, dass ich nicht egoistisch agieren möchte. Viel schöner wäre es zu sehen, dass meine Worte Anregung genug waren, über deine persönlichen Stärken zu philosophieren.

Hinterlasse einen Kommentar