
Tagesnotiz,
Samstag, 22. Feb,
Eine Erinnerung, ja. Die brauche ich von Zeit zu Zeit – in Momenten wie diesen, in denen ich vor dem Spiegel stehe oder eine Unterhaltung führe oder für mich selbst bin und nichts in mir zu finden ist von dem, was eigentlich im Übermaß, naja, im gar übermäßigen Maße vorzufinden wäre, würde ich ich selbst sein.
Wie ein ungelehrter Seilkünstler auf dem Seil stehend fühlt man sich, verliert man einmal die sichere Mitte in sich selbst. Nach links und rechts taumelnd stehe ich also auf diesem Band und probiere mit all meinen Kräften, nicht von dem schmalen Strick zu fallen, auf den ich gestellt wurde. Eigentlich bin ich ein Profi auf dem Seil, auf das ich gestellt wurde. Denn egal, wie dick, wie stabil oder locker es scheint – solange ich meine Mitte finde, könnten Orkanwinde von der Seite auf mich, die dort als Akrobatin steht, eintreffen, und es würde mich höchstens an der Nasenspitze kitzeln. Ich war nicht von Tag eins an eine gute Seilkünstlerin, sicherlich nicht. Kein Mensch ist mit einer solchen Körperbeherrschung geboren. Aber eine zu starke Verlagerung nach links lässt mich herunterfallen und sorgt dafür, dass ich meine Mitte verliere, ebenso wie die zu starke Verlagerung nach rechts mich von dem Seil plumpsen lässt. Ich habe also gelernt und verstehe, wie ich meine Mitte finde. Naja, eigentlich verstehe ich es, mich auf einem ganz bestimmten Typ Seil zu halten und frei zu bewegen. Auf eben diesem, auf dem ich es jahrelang perfektioniert habe.
Seit gestern allerdings stehe ich auf einem wackeligeren, weniger stark gespannten Seil und finde meine Mitte nicht mehr. Immer und immer wieder landet ein Fuß auf dem Boden oder beide Beine, oder ich muss mich ganz auf den Po fallen lassen – schmerzhaft. Herumfragend und dabei nach einer Lösung suchend, wende ich mich an andere Seilkünstler. Sie stellen sich auf mein Seil und bestätigen: Auch ihnen scheint es unmöglich, ihre Mitte auf diesem Seil zu finden. So tun wir uns zusammen. Wissentlich, dass wir alle auf unserem vorherigen Seil in unserer Mitte bleiben konnten, verbringen wir Tage damit, auf dem neuen Seil weder nach links noch nach rechts zu taumeln – oder immerhin in einem angemessenen, geringen Maße.
Ein Gefühl, von dem ich nur mutmaße, dass Seilkünstler es verspüren. Doch bei dem Versuch, das Gefühl beschreiben zu wollen, sich selbst zu verlieren, erschien diese Szenerie in meiner Vorstellung. Ich wäre gerne eine selbstsichere junge Frau, die sich zu jeder Zeit ihrer Mitte bewusst ist. Sprich: sich auf jedem beliebigen Seil halten und bewegen kann. Doch ich gestehe, dass meine Mitte längst nicht so gefestigt ist, wie sie sein könnte, und jeder Wind mich von diesem Seil stoßen wird. Es gibt Tage, da schaffe ich es nicht einmal, einen Fuß auf das Seil zu setzen. An diesen Tagen bin ich nicht ich selbst. Kein Wunder, gestehe ich an dieser Stelle. Häufig gerät in Vergessenheit, was es benötigt, um die eigene Mitte zu finden und zu wahren. Es sind Fragen, die nur von mir selbst beantwortet werden wollen. So, wie es mir nichts bringen würde, wenn ein anderer Seilkünstler auf meinem Seil seine Mitte findet, wird es mir auch nicht weiterhelfen, wenn eine andere Person ihr Strahlen, ihre Lebensfreude, ihre Zuversicht, ihr Selbstvertrauen zurückbekommt.
Mir jedenfalls liegt viel daran, meine Mitte zu stärken und dafür zu stehen, wer ich als Mensch bin. So würde ich mir von mir selbst wünschen, dass kein Job, kein Mensch, kein Gedanke und insbesondere keine Lebensentscheidung dafür sorgt, dass ich vergesse, wer ich eigentlich bin.
Heute habe ich in meinen Dokumenten einen vergangenen Gedanken gefunden. Von einer Seilkünstlerin, die ich gewesen zu sein scheine. Es muss die Anfangszeit gewesen sein, denn ich stehe längst nicht mehr so unsicher auf diesem Seil:
Janika Ziemann, 15 Jahre alt, 2017
Manchmal verliere ich mich selbst in tausenden Abschweifungen, in Alltagssorgen. Ich schenke Menschen meine Aufmerksamkeit, obwohl sie diese nicht verdienen – und Umständen, die total unwichtig sind.
Ich habe Angst vor Dingen, die vielleicht nie passieren werden.
Ich versinke in Kleinigkeiten, ohne mich auf das zu fokussieren, was wirklich wichtig ist.
Jeden Tag muss ich eine Sekunde innehalten, um in mein Inneres zu blicken, um mein Wesen und das, was ich wirklich bin, zu sehen. Um das zu suchen, was hinter Lächeln versteckt ist, die ich nicht fühle, hinter Blicken, die nicht versteckt werden können. Das nennt sich Selbstfindung.
Ich finde mich selbst nur von Zeit zu Zeit und sehe, wer ich wirklich bin. Doch ich fühle mich sehr klein. So klein, dass ich mich verstecke, damit niemand sehen kann, dass ich ein falsches Lächeln als Schutzschild nutze. Ein Lächeln, das ich von einer Person geliehen habe, die ich nicht bin.
Ich erinnere mich daran, dass ich traurig war, als diese Worte aus mir heraussprudelten. Vielleicht bin ich in diesem Moment nach links getaumelt und von dem Seil gefallen – tat weh. Aber heute habe ich einen ausgeprägteren
Gleichgewichtssinn. Auch dieser Fall gehörte dazu, und ich bin sogar froh, ihn schriftlich festgehalten zu haben. Heute würde ich behaupten, mit 15 Jahren schon gesehen zu haben, warum ich überhaupt immer wieder auf das Seil steigen wollte.
Eigentlich wissen wir alle, was wir wollen und vor allem, wer wir sein wollen.
Wer nicht in diese Welt zu passen scheint, ist nahe daran, sich selbst zu finden.“
Hermann Hesse
(habe ich in dem Dokument 2017 als Abschluss beigefügt)

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