
Herrlich ehrlich,
Samstag, 01. Mär,
Meine Familie erinnerte mich daran, dass ich mir genau überlegen solle, welche Inhalte ich auf diesem Blog teile – denn sie spiegeln schlicht meine Sicht auf das Leben wider.
Doch gerade der Alltag besteht aus Fehlern, emotionalen Reaktionen und dem Wunsch nach mehr. So erst entsteht Lebensfreude.
Heute thematisiere ich die Arbeitswelt oder viel eher eine Art der Wahrnehmung dieser.
Im Sinne dieses Selbstfindungsprozesses und dementsprechend auch eines ständigen Überdenkens und weiterentwickelns junger Menschen, die sich in der Wirtschaft wiederfinden müssen, richte ich für mich sehr ungewohnte Worte an euch.
Denn durch sie entsteht die Darstellung eines unzufriedenen Arbeitnehmers, von denen es unzählige auf dieser Welt gibt – sie sind nicht zu ignorieren und meiner Meinung nach auch nicht wegzudenken.
Für diesen Beitrag möchte ich darauf hinweisen, dass die geschriebene „Bewerbung“ aus dem Affekt entstand und nicht meinen wahren Vorstellungen entspricht. Es ist die Darstellung einer unüberlegten und durchaus emotionalen, künstlerischen Bewerbung. Sie spiegelt nicht meine Sicht auf den Berufsalltag wider. Ich betitele den folgenden Text deshalb als „verträumtes Schreiben“.
Sehr geehrte Damen und Herren,
Auf der Suche nach einem Nebenjob fühle ich mich wie ein Blatt, das im Frühling beginnt zu sprießen, im Sommer zu voller Größe heranwächst und im Herbst zu Boden fällt, weil die Reise zu Ende geht.
Wie ein Zombie pendele ich von Erfahrung zu Erfahrung, probiere mich aus und wachse an jeder Tätigkeit. Ein Nebenjob ist Teil meines Lebens – je nach Stundenanzahl ein größerer oder weniger großer, dennoch stets ein Teil der Zeit, die mir im Leben zur Verfügung steht. Die Erfahrungen, die ich mache, sind Gold wert und werden früher oder später zu Geschichten, die ich bereitwillig als Anekdoten zu angeregten Konversationen an der Abendtafel beisteuere. Wenn ich eines gelernt habe, dann jenes, dass der Nebenjob nicht allein willkürlich erwählt werden sollte, sondern gezielt.
Einige Freunde von mir haben ihren anfänglichen Nebenjob zu einem Vollzeitjob entwickelt, der nun den Großteil ihres Lebens ausmacht. Gleichsam verheißungsvoll und doch erschreckend ist deshalb der Gedanke, der nächste Job könnte gut oder aber schlecht für meine Zukunft sein. Jegliche Tätigkeiten, die ich bereits ausgeübt habe (die wären Agility mit einem Hund, Kellnern, Hauswirtschaft im Altenheim …) – all diese haben mich viel über das Leben gelehrt. Es bereitet mir unbeschreibliche Freude, aus meinem gewohnten Leben herauszufallen und neue Horizonte zu erkunden. Die Arbeit ist hart. Sie fordert ungemein und weist mir allzu häufig meine schnell erreichbaren Grenzen auf. Zu Beginn ist alles ungewohnt und anstrengend, zum Ende hin langatmig und melancholisch. Ein weniger gutes Verhältnis mit dem Arbeitgeber und den Kollegen kann unangenehm sein. Vorwiegend scheiterte eine langfristige Tätigkeitsausübung deshalb daran, dass ich nicht das ersehnte Gefühl der Menschen erhielt, willkommen zu sein. Kurzum, die familiäre Stimmung kam niemals zustande.
Das Leben ist zu kurz, zu wertvoll, um sich langfristig mit einer Tätigkeit aufzuhalten, die als erstbeste bereitsteht. Die lohnenswerteste Phase ist deshalb jene, die am unangenehmsten ist: der Anfang (die Einarbeitung) – so lange, bis das Gefühl von Komfort entsteht, das nach wenigen Monaten automatisch eintritt. Ab da stellt sich mir immer die Frage, ob es Zeit wäre zu gehen.
Bemängeln muss ich zudem die unklaren Strukturen, die an den Tag gelegt werden. Während ein Kollege seine Aufgabe auf jene Weise vollbringt, tut es ein anderer gar gegensätzlich. Ich als Frischling stehe unwissend zwischen den Fronten und bin gezwungen, mich einer der Varianten hinzugeben. Mit dem höchsten Glied, dem Chef, stehe ich kaum in Kontakt – allenfalls dafür, ungute Gespräche zu führen.
So frage ich mich seit geraumer Zeit, ob das das wahre Berufsleben sein mag? Hat es nicht viel mehr zu bieten als all das, was mir gezeigt wurde?
Auf der Suche nach einer mich erfüllenden Tätigkeit, nach liebevollen Kollegen, nach regelmäßigen Challenges möchte ich mich hiermit bei Ihnen in Ihrem Unternehmen bewerben!
Als selbstständiges Individuum bin ich bereit, angeregt mitzuarbeiten und mit liebevoller Hingabe Ihr Unternehmen profitbringend zu verändern. Es wäre mir eine Freude, die Strukturen Ihres exzellenten Unternehmens zu erkunden, ebenso wie die meinen Fähigkeiten darzulegen. Sollte ich von meinen zuvor gesammelten Erfahrungen gelernt haben, dann, dass ein Geschäft von den Gesichtern repräsentiert wird, die mit Menschen interagieren. Meines ist eines, das häufig lächelt und mit witziger Freundlichkeit auf die einströmende Masse reagiert.
Das Leben ist kurz. Es ist eine Reise, die alle Möglichkeiten offenhält, und nur ich allein bin in der Lage, sie zu ergreifen und zu verwehren. Umso erfreuter bin ich, zu verkünden, dass Ihr Unternehmen mein außerordentliches Interesse geweckt hat.
Dennoch kann ich nicht außer Acht lassen, dass die zu Beginn erwähnten Einrichtungen dieses Interesse ebenfalls geweckt haben und meine offene Neugierde nach kurzer Zeit schmälerten. Es bedarf nicht viel, um mich davon zu überzeugen, vor Ort zu verweilen. Offensichtlich konnten diese Unternehmen es dennoch nicht bewerkstelligen.
Umso interessanter wird es sein, das Experiment mit Ihnen zu starten …
Ach Quatsch. Weg damit, dachte ich mir. Schnell, bevor ich es aus Unvorsicht abschicke und damit meine Chance maximal minimiere, zu einem Bewerbungsgespräch vorgeladen zu werden. Es sind vielleicht meine wahren Gedanken, aber niemals das, was ein Unternehmen von einem Bewerber hören möchte. Es möchte liebevolle, interessante, anhimmelnde Worte – und während des Probearbeitens die Umsetzung dieser zu Gesicht bekommen.
Sicherlich sollte ich mir überlegen, ob es gescheiter wäre, ein eigenes Business zu eröffnen. Doch die Taschen sind leer.
Diesen künstlerischen Text schrieb ich am 24. Mai 2022 und veröffentlichte ihn nicht aus Sorge, er würde direkt auf mich projiziert werden. Heute denke ich, er steht stellvertretend für den Berufsstart junger Menschen, die einen Konflikt zwischen Wunschvorstellung, Realität und einem Job, der zu ihrem Charakter passt, erleben.

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