Exzellenz (eine Selbstkritik)

Exzellenz (eine Selbstkritik),
Montag, 14. Apr,

Da ich gerade die Nase ins Werk Nietzsches, eines Philosophen, der nicht als solcher betitelt wird und doch einer ist, steckte und drauf und dran bin, mich in die Mathematik der Mikroökonomie zu stürzen, tut sich zwischen diesen beiden Bergen der Exzellenz ein Tal auf, in dessen Fluss eine Frage schwimmt: „Sollte ich nach Exzellenz streben?“ Denn zwischen den Zeilen von Nietzsches Worten steht: Ich bin ein exzellenter Philosoph. Ich throne mit Kant, Aristoteles, Sartre und unseren Mitstreitern im Palast der Philosophie. Gleichsam warten die ökonomischen Modelle von Keynes, von Friedmann, von Smith darauf, in die Hand genommen zu werden und als Werkzeug der Wirtschaft zu dienen. Doch ein Modell, das aus Buchstaben besteht, wird nicht zu Worten. Und die künstlerischen Worte der Philosophen lassen sich nicht in Zahlen umschreiben – einer von vielen Vergleichen, in denen die Katze vergebens nach der Maus jagt.

Wenn dir jetzt der Gedanke kommt, zwei Disziplinen machten noch keine Sisyphusarbeit aus dem Streben nach Exzellenz, dann lass mich dir vergewissern: Sie sind nicht alleinstehend. Denn neben der Vorliebe zum Denken und dem Studium der Wirtschaft koexistieren der Wunsch nach Bewegung, das Streben nach weiteren Zielen, der Gedanke an die Zukunft, ja, die Bereitschaft zur Veränderung. Nein, ich mache vieles, aber das „Festlegen“ gehört nicht dazu. Ich beneide die Menschen, die in der Wüste ihrer Disziplin graben und dabei auf archäologische Fundstücke stoßen, die die Genealogie1 heutiger Strukturen, die als selbstverständlich angesehen werden, tatsächlich erklären können. So ein Fund kommt nicht an Tag null, an dem man sich entscheidet: „Ich gebe mich der (Ingenieurswissenschaft, Kunst, Mode, Finanzwelt) hin.“ Tag eins mag dazu führen, dass diese Überzeugung zu einer Entscheidung wird, doch erst Tag 100, Tag 1.000, Tag 10.000 oder Tag X liefert das Ergebnis, nach dem sich gesehnt wurde.

Ich frage mich, was einen Menschen dazu bewegt, sich einer Disziplin so sehr zu verschreiben, dass sie der Inbegriff der Leidenschaft wird. Kleinlaut stelle ich die Vermutung an: Keine einzelne Disziplin ist ursprünglich ein Teil der Leidenschaft eines Menschen – wir lassen sie zu ihr werden.

Allein durch den Wissensdurst. Tropfen an Tropfen prasselt es nieder, und so bildet sich eine Pfütze, ein See, ein Meer. Irgendwann verschwimmt der Horizont, und der Kapitän auf seinem Schiff segelt auf dem Meer des Wissens, suchend nach dem, was hinter dem Horizont ist. Wer es geschafft hat, so würde Nietzsche behaupten, kann sich glücklich schätzen:

„(…) bis ich endlich ein eigenes Land, einen eigenen Boden hatte, eine ganze verschwiegene, wachsende, blühende Welt, heimliche Gärten gleichsam, von denen Niemand Etwas ahnen durfte… Oh wie wir glücklich sind, wir Erkennenden, vorausgesetzt, dass wir nur lange genug zu schweigen wissen!…“

Ich denke, das Streben nach Exzellenz ist ein wesentlicher Schritt in der Charakterentwicklung eines Menschen. Die eigenen Stärken werden anerkannt, eine Tat führt zu Erfolgen, und das Leben bekommt einen Sinn. Und doch stelle ich mich selbst in den Weg, da ich mich nicht auf etwas festlegen möchte. Der Gedanke daran lässt mich emotional werden: wütend, enttäuscht, hilflos. Wir Menschen sind nicht unfehlbar – am wenigsten, was uns selbst belangt.


1: Genealogie = Die Ergründung der Herkunft von Etwas. Bsp: Ahnenforschung als die Ergründung des Familienbaums

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