
Du.Ich. Und was wir glauben zu verstehen,
Donnerstag, 24. Apr,
Es beginnt mit einem Hochziehen der Mundwinkel, das in ein Lächeln übergeht. Ich komme nicht umher, ebenfalls mit dem Lächeln zu beginnen.
Erst bleibt sie still sitzen, dann bewegen sich die Hände. Worte werden ummantelt, hervorgehoben oder verlieren an Bedeutung – je nach Intensität der Gestik. Sie hat meine gesamte Aufmerksamkeit.
Ein Moment der Stille, da sie überlegt. Ich gebe ihr die Zeit und denke gar nicht daran, den Raum für mich einzunehmen.
Sie fasst einen Gedanken und erzählt voller Emotionen. Erst zurückhaltend, doch durch ein befürwortendes Nicken meinerseits wird der Wunsch nach einem Vertiefen der Gedanken stärker. So haben wir beide Freude – sie erzählt, wofür ihr Herz schlägt oder was ihre Gedanken festhält. Ich sehe, was für mich die Freude am Leben darstellt.
Wofür hast du Freunde?
Wie ein Bienenstich fühlte es sich an, als mir gezeigt wurde, dass das Bild einer „Freundschaft“ nicht das war, was ich eigentlich leben wollte – es überkam mich ganz plötzlich, tat kurz weh, ich packte eine Zwiebel drauf (was?) und nach zehn Minuten wusste ich, wovon ich mich fernhalten sollte. Ich ließ ganz los und schaute mich – ohne meine Erwartungen, Erfahrungen, Überlegungen und Gedanken, die ich von meinen Mitmenschen gesammelt hatte – um.
Wenn ich beschreiben sollte, was für ein Mensch dort vor mir stand an jenem Tag, dann würde ich sagen: ich.
Ich, die sich nicht selbst liebt. Ich, die sich unter Druck setzt und daran zu ersticken droht. Ich, die versucht, es allen Menschen recht zu machen. Das war es, was ich vor mir stehen gesehen habe – in einem fremden Menschen.
Stimmt diese Überlegung? Im Grunde – durch eine verdrehte Perspektive schauend – ja!
In mich gehend, verstand ich in diesem Prozess, dass die Wahrnehmung meiner Mitmenschen beschränkt ist. Um genau zu sein, beruht sie auf meiner Selbstwahrnehmung. Denn ich erwarte, dass mein Gegenüber dieselbe Intensität an Liebe spüren kann, weil sie für mich das „Normal“ ist. Und ich denke, dass mein Gegenüber dasselbe Grün des Grases sieht, obwohl diese Person vielleicht eine Farbschwäche hat. Und ich gehe davon aus, dass die Aussage „Ich bin ehrgeizig“ bei einer anderen Person GENAU dieselben Gedankenprozesse auslöst, wie sie bei mir stattfinden.
Wie ein Schrei, den ich nach außen hin tragen möchte. Doch er ist nicht mehr als ein Hall, ein Echo in mir drin.
Und so stellte ich eines Tages fest, dass kein einziger Mensch meine Gedanken teilen, meine Emotionen fühlen und Erinnerungen sehen kann. Das Wort „alleine“ hat eine neue Bedeutung bekommen, denn ich bin alleine mit meinem Leben. Nicht einsam, sondern individuell.
Jeder Mensch ist besonders. Auch das begriff ich mit dieser Erkenntnis. Mir ist egal, wie ein Mensch aussieht und was für Ziele er in seinem Leben hat. Die Gesellschaft eines Menschen schätze ich, da diese Person ganz für sich steht und Interesse in mir weckt. Nicht minder fühle ich, wenn meine Freunde um mich herum sind.
Menschen.
Menschen. Menschen. Menschen.
Ich urteile nicht, denn ein Urteil ist mangelndes Wissen über eine Person, deren Gedanken ich nicht kenne, über deren Gefühle ich nichts weiß und vielleicht auch nie etwas erfahren werde – es sei denn, ich ergreife die Initiative und begegne diesem Menschen unvoreingenommen mit Offenheit.

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