Bildung und Schönheit bedingen sich,

Helen Lundeberg – Planet and animal analogies

Bildung und Schönheit bedingen sich,

Mittwoch, 6. Aug.

Vieles im Leben bedingt sich. So gibt es Farben im Kontext des Sehens. Sie existieren so oder so! Doch wären wir Menschen nicht imstande dazu, sie durch Sinneseindrücke wahrzunehmen, so würde ein Olivgrün, ein Rubinrot, ein Marineblau, ein Zitronengelb keinen Namen tragen und unserem Empfinden nach unreal sein.

Auch der Sommer wäre etwas, was wir Menschen nicht als Zustand begreifen würden – mit seiner Temperatur, seiner blühenden Flora und Fauna, der aktiven Tierwelt, die so viel lebendiger und vielzähliger zu sein scheint. Der Rausch der Ekstase, der Fiebertraum des Sommers wäre nichts, würden wir ihn nicht spüren können.
Damit ist gemeint: Versucht man einmal zu begreifen, was von dem Zustand des Sommers bleibt, wenn ein Mensch seiner Sinnesorgane beraubt wird – kein Sehen, kein Hören, kein Fühlen, kein Schmecken, kein Riechen – was bleibt vom Sommer übrig? Nichts.
Der Sommer ist alleine das, was der Mensch zu begreifen fähig ist. Er besteht unserer Definition nach aus all dem, was wir wahrnehmen. Umgekehrt bedeutet das, dass der Sommer kein Begriff für den Menschen wäre, würden wir ihn nicht zu einem machen. Wir Menschen und der Sommer existieren in einem Kontext miteinander. Man könnte sagen, wir sitzen in einem Raum und führen eine Unterhaltung: Wir interagieren, agieren, reagieren – sind im stetigen Austausch miteinander. Vielleicht nicht im Sinne einer Konversation. Es sind Reaktionen.

Diese Zusammenhänge (Sehen–Farben oder Wahrnehmen–Sommer) gewinnen erst wahrhaftig an Bedeutung, wenn wir ein Gefühl, einen Sinneseindruck oder eine Verbindung zu ihnen haben.


Vielleicht habe ich mit diesem „in einen Kontext setzen“ die Zahnräder in deinem Gehirn bereits angestoßen – das war Sinn und Zweck der Einführung.
Denn so fühlte es sich für mich an, als ich den Begriff der Schönheit in einen neuen Kontext setzte – das gegenseitige Bedingen der Schönheit und der Intelligenz.

Ein Sommer beginnt, er weht in den Herbst, wird kälter und vereist im Winter. Wenn der nächste Frühling erblüht, ist viel Zeit vergangen. Ja, ich durfte lernen. Lernen auf gleich mehreren Ebenen!
Denn ich lernte für das, was mir nun Freude bereitet: mein Studium. Und im selbigen Prozess lernte ich etwas Neues über das Lernen selbst: wie viel Schönheit hinter dieser scheinbar stumpfen, repetitiven Tätigkeit liegt.
Schönheit und Intelligenz bedingen sich, verstand ich.

Als Mensch, der insbesondere fühlt, da die Emotionen die Rationalität übertreffen, möchte ich heute aus einer empfindenden Perspektive beschreiben, was die Realisierung in mir (mit mir) machte:

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Ein Mensch kommt auf die Welt und besitzt die Grundausstattung der Gefühle. Sie sind ein Geschenk der Natur. Denn die Emotionen helfen dem Kind, seine Bedürfnisse an die Außenwelt zu vermitteln. So betone ich: Sie sind ein Geschenk.

In der ersten Klasse durfte ich das erste Mal in einem gezielten Umfeld die Luft der Intelligenz schnuppern – denn obwohl das Lernen nicht erst im Kontext eines institutionellen Gebäudes beginnt, soll es alleine um das Lernen gehen, zu welchem der Begriff „Lernen“ uns eingeprägt wurde.

Definition Lernen:
Ein Prozess, in dem dem Subjekt unbekannte Strukturen ergründet werden. Durch Assoziationen mit Bekanntem und Erweiterungen des Begreifbaren reift der Geist des Subjekts und beeinflusst die Wahrnehmung von Unbekanntem und bereits Bekanntem.

Hach, die erste Klasse!
So viele neue Kinder im selben Alter, so viele spannende Eindrücke, eine völlig neue Umgebung! Meine Emotionen nahmen die Überhand – die Neuronen feuerten!
Man könnte sagen, das Geschenk der Emotionen machte die ersten Tage in der Schule zu einem echten Abenteuer. Ab einem gewissen Zeitpunkt – er wurde relativ schnell erreicht, muss ich gestehen – wendete sich das Blatt allerdings. Aus dem Geschenk wurde ein Folterinstrument.
Denn obwohl mir die Kommunikation mit Gleichgesinnten immense Freude bereitete und mein Herz vor Glück drohte, aus der Brust zu springen, waren da plötzlich Aufträge einer „Autoritätsperson“, die von mir ausgeführt werden sollten.
Freiheitsliebend und wohl gedeihend, sollte ich das erste Mal wahrhaftig der Vorstellung einer anderen Person nach agieren.
Auf diese Forderung reagierte nicht ich, sondern die gewaltige emotionale Fülle in mir. Das Geschenk der Emotionen war fortan kein Geschenk mehr. Denn ein Kind, das von der Außenwelt durch Reize ausgelöst agieren soll, jedoch keine Handlungsmethoden besitzt, reagiert nicht unbedingt wie gefordert. Äußerlich entsteht eine verträumte, abwesende, gelangweilte oder unsichere Fassade. Doch der Auslöser dafür sind Emotionen, die sich gegen einen selbst stellen. So formulierte es bereits Nietzsche in seiner Genealogie der Moral:

„(…) nur dass der Stoff, an dem sich die fortbildende und vergewaltigende Natur dieser Kraft auslässt, hier eben der Mensch selbst, sein ganzes (…) altes Selbst ist.“
(Genealogie der Moral, Reclam Nr. 7123, S. 80)

Diese, zugegeben etwas unzeitgemäße Erläuterung, bringt den Konflikt in einem Kind, das von der Außenwelt zu etwas „erzogen wird“, auf den Punkt, würde ich meinen. Emotional entsteht ein absurder Feedbackloop aus Selbstbestrafung, da das Kind nicht entsprechend handelt. Anschließend folgt Wut auf minderwertige Noten, die das Kind mit sich selbst ausmacht, und letztlich Motivationslosigkeit. Denn ein Mensch, der sich so sehr selbst bestraft, ist ziemlich schnell von den gewaltigen inneren Prozessen erschöpft.

Warum erzähle ich so etwas Privates?
Weil es mir aufgefallen ist. Und sobald ich merkte, was in mir vor sich ging und wie das Geschenk der Emotionen zu einer Waffe wurde, die ich mir selbst auf die Stirn drückte, erfolgte ein „Innehalten“.
Durch die Abwesenheit aus der Schule nach dem Abitur entstand Distanz – vorwiegend zwischen mir und der Pistole an meiner Stirn. Ich nahm die Waffe das allererste Mal herunter und verstand erst nach und nach, in was für eine Situation ich mich (meine Gefühle mich) gebracht hatte.
Heute würde ich die Gesamtsituation als eine Mischung aus Überforderung, Überlebensstrategie und funktionierenden Schemata und Handlungen bezeichnen.
Erkennend, was ich jahrelang getan hatte, entstand ein starkes Bedürfnis:
Ich wollte mehr – endlich verstehen, was hätte schön sein können an dem Prozess des Lernens!

Und so führte ich mir vor Augen, was für Glaubenssätze, was für Überlebensstrategien ich erlernt hatte, während andere Menschen im gleichen Alter … (kann ich nicht benennen, da ich nicht in Euch blicken kann) lernten!
Verglichen mit den 18 Jahren zuvor verstand ich rasend schnell, weshalb sich so viele Menschen zuvor in Wissen und ihre eigene Wissbegierde verliebten, anstatt diese Begriffe zu verachten.
Ich definierte einen Begriff für mich selbst neu und überschrieb die Erfahrungen, die ich als Kind gemacht hatte, bewusst durch nun emotional schöne Erfahrungen.

Nun ist einige Zeit vergangen. Da ich genug Abstand zu diesem Thema gewonnen und ein Selbstbewusstsein in Bezug auf eine passive Strategieentwicklung (Überleben in der Schule) gewonnen habe, teile ich gerne diese Erkenntnis mit euch. Denn nun denke ich:
Intelligenz ist keine Last – sie sorgt auf eine beeindruckende, nicht in Worte zu fassende Art und Weise für Erleichterung. Sie lässt einfache Gegenstände so viel komplexer, ja vielseitiger, eben schöner werden!
Es dauerte eine Weile, doch nun empfinde ich Freude, Neugierde, Bereicherung und insbesondere Lust, wenn ich etwas lernen darf.

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