
Der Zeitgeist des 21. Jahrhunderts,
Samstag, 30. Aug,
Beobachtungen
Gestern sah ich einen Mann mit nadelbaumgrüner Hose, neonrosa Socken und kastanienbraunen Loafers. Das waren die drei Farbsequenzen, die ich zunächst wahrnahm. Er las Zeitung.
Müsste ich sein Alter schätzen, dann würde ich auf gute 70 Jahre tippen. Er saß alleine im Café – so wie ich. Für ihn war es vielleicht ein entspannter Morgen, für mich ein Moment, in dem ich vor meiner Hausarbeit saß, von der ich noch keine Ahnung hatte. Denn ein „Vorne“ ist mir noch nicht bekannt, und das Ende ist noch nicht zu erkennen.
Und obwohl ich in meinem thematischen Feld vollends abtauchte, herrschte in mir der Wunsch, dem Mann ein Kompliment für sein einnehmendes Erscheinungsbild zu machen. Denn er löste in mir mehr aus als die anderen Menschen um mich herum. Seine bloße Präsenz sagte:
„Ich gestalte mein Leben, nehme Raum ein, existiere für mich und bin doch sichtbar für euch.“
Er inspirierte mich – und ich hätte ihm gerne ein ähnlich positives Gefühl gegeben, wie er mir eines gab.
Auf meiner Busfahrt in die Heimat saß ich wie in Watte gehüllt dort. Vollkommen fokussiert auf die neuen Materialien, die ich mir gerade auf mein Tablet heruntergeladen hatte, hörte ich ein Baby schreien – so laut, dass selbst die Geräuschunterdrückung meiner Kopfhörer nicht verhindern konnte, dass die hellen Frequenzen der Schreie zu mir durchdrangen. Ich störte mich nicht daran.
Erst, als die ältere Dame mir gegenüber ein Taschentuch herausholte und ihre glasigen Augen abtupfte, den Blick hinter mich gerichtet, wurde ich neugierig. Ich drehte mich um und schaute in zwei große, kugelförmige Rehaugen. Das neugeborene Kind war erst ein paar Wochen alt und der Kopf gerade so groß wie meine Faust. Wir sahen uns an, ich lächelte, winkte – und es hörte tatsächlich auf zu schreien (kurz ein Anflug des Stolzes meinerseits).
Warum ich solche Erfahrungen teilen möchte
Alleine solche Situationen wahrzunehmen und zu erkennen, wie gering die eigene Individualität zu jeder Zeit, in jedem Moment ist, wirkt wie ein Bruch in meiner Auffassung des aktuellen Zeitgeistes.
Das Thema beschäftigt mich so stark, dass es mir unter den Nägeln brannte, darüber lyrisch zu schreiben. Ursprünglich nur für mich – doch gerade scheint es zu passen:
Poetry Slam – Glücklich
Ja, mittendrin stecken wir:
In der Zeit, in der es das:
„Ich vor dem Ihr“,
das
„Allein vor dem Wir“
gibt.
Verletzung
So frage ich mich:
Genügt ein Streben nach dem Glück nicht?
Ja – Nein – Wann bin ich es denn? Also glücklich?
Verletzung
Lebe ich ihn?
Verkörpere ich ihn?
Den Zeitgeist.
Ist es das, was „Liebe“ heißt?
Selbstliebe – ein Sein mit sich allein.
Das kann es nicht sein – das, was alle meinen!
Irgendwo zwischen:
„Ich brauche dich“
und
„Brauchen tue ich nur mich“
ging die Mitte verloren.
Ich möchte das Ideal nicht vertreten.
Erst: „Für immer und ewig“
Und jetzt: „Alleine im Leben“.
Ich bin verletzt.
Nicht die Liebe zu einem Mann tat das.
Die Liebe zu einer Welt, einer Zeit,
in der gesagt wird:
„Wachstum resultiert aus Leid.“
Ich habe mir diese Gesellschaft nicht ausgesucht,
doch suche ich mir aus, sie den Kindern anders zu überlassen.
Kein „sich selbst hassen“,
kein „Liebe sollte man lassen“.
Wir sind zu schlau, um dieses Schicksal zu wählen.
Liebe lieber, statt sich durch Trauer zu quälen.
Reflexion
Vielleicht einfach ein Gedicht, vielleicht ein paar ehrliche Worte, vielleicht sogar eine lyrische Streitschrift. Doch mein Leben ist geprägt von Individualismus, von „allein mit sich glücklich sein“. Das funktioniert natürlich gut, keine Frage!
Und dennoch ist da diese Überlegung, ob dieser Gedanke – die Gesellschaft zu Einsiedlerkrebsen werden zu lassen – wirklich so berauschend ist, wie die Vorstellung verheißt. Ich fühle mich grundsätzlich nicht alleine, denn so oder so bin ich unter Menschen.
Doch der Fokus auf sich selbst, der von den jüngeren Generationen gefordert wird und von den älteren mal gutgeheißen, mal kritisiert, hat seine guten und schlechten Seiten. Nun überlege ich, in welche Richtung ich mich selbst entwickeln möchte – unabhängig von Außenwirkung, gesellschaftlichem Druck, den Meinungen anderer Menschen.
Denn Worte wie „in guten wie in schlechten Zeiten“ haben für mich nie an Bedeutung verloren. Ich habe immer gedacht, dass ich diesen Worten irgendwann die Kraft geben werde, die sie fordern – jedoch zu einem späteren Zeitpunkt.
Vielleicht fordert der Individualismus in der Gesellschaft nicht unbedingt, sich direkt von ungesunden Menschen zu distanzieren. Vielleicht soll man auch nicht kompromisslos seinen eigenen Weg bestreiten und dabei Menschen auf der Strecke lassen, die die eigenen Ansichten nicht nachvollziehen können. Vielleicht soll es keine Gruppenbildung geben von politisch links oder rechts denkenden Menschen. Vielleicht, vielleicht, vielleicht…
Offene Fragen
Die Frage ist: Warum führen Menschen heutzutage weniger langfristig glückliche Beziehungen als früher?
Warum wird der „Herdengedanke“ als etwas abgestempelt, dem nur schwache Menschen nachgehen?
Und warum erhält man so viel Lob und Bewunderung für Sätze wie:
„Ich war alleine im Museum.“
„Ich war alleine im Kino.“
„Ich saß alleine im Café und habe dort gelernt.“
Ohne urteilen zu wollen – denn all diese Dinge tue ich selbst und bin durchaus zufrieden damit – frage ich mich dennoch, warum das „mit sich alleine sein“ so viel positive Resonanz erhält.
Ich dachte, der Mensch sei ein logisch-intelligentes und emotional-intelligentes Wesen. Ein Individuum, das bewusst die Gesellschaft anderer Menschen sucht – nicht die Anonymisierung der Großstadt.
Ist es nicht so, dass die Metamorphose des Menschen auf natürliche Weise so abläuft:
Angewiesen auf Gesellschaft (Pflege durch Eltern/Erziehungspersonen)
Abnabelungsprozess (verstehen, wie man als Individuum funktioniert)
Bewusste Suche nach Gesellschaft (Partner- und Freundessuche, Rückkehr zur Gesellschaft)
Der dritte Schritt scheint für das Individuum gerade schwerer zu sein – unabhängig vom eigenen Entwicklungsstadium. Denn wer möchte in Gesellschaft sein, wenn so viel positive Resonanz gezeigt wird für das, was man alleine erreicht hat? Für das Leben, das man alleine auf die Beine stellt? Für die Karriereleiter, die man alleine erklommen hat?
Ja, ich habe Fragen – ohne urteilen zu wollen, möchte ich verstehen, woher dieser Zustand kommt.

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