
Wo komme ich her?,
Samstag, 6. Sept,
So langsam, bald (oder längst schon) Mitte zwanzig, gerade einmal seit zwei Jahren ausgezogen, verstehe ich dennoch den Ansatz des Sprichwortes: „Vergiss niemals, wo du herkommst.“
Auf dem Weg dahin, mich selbst zu finden, hatte ich das ein oder andere Mal Momente wie:
- „Hups, SO bin ich doch eigentlich!“
- „Seit wann mache ich denn so etwas – und was ist aus meinen früheren Handlungsschemata geworden?“
- „Warum gefällt mir so etwas plötzlich, wenn ich doch niemals materialistisch geprägt sein wollte?“
Huhu, Erinnerungen bitte?!
Es hat mit Freunden, mit Umgebungen, mit Denkweisen und insbesondere mit Humor zu tun, wenn ich die Worte höre: „Vergiss niemals, wo du herkommst.“
Dabei gebe ich zu, dass der Ursprungsort nicht immer einer sein muss, an den man sich erinnern möchte. Insgesamt geht es eher darum, sich selbst in den Kontext der Gesamtsituation zu setzen – also eine abstraktere Perspektive darüber zu entwickeln, was tatsächlich die gesamte Szenerie ausmachte.
War ich Schülerin – oder doch vielmehr ein Kind innerhalb der Klassendynamik einer Schule?
War ich Kind – oder doch eher die geborene Tochter meiner Eltern, großgeworden in einer Familie, in die ich hineingeboren wurde?
Habe ich mit 14 Fußball gespielt – oder war ich ein Mädchen in einer Frauenmannschaft der D-Jugend in einem Dorfverein?
Damit möchte ich zur Präzision ermutigen.
Methodik, aber ganz simpel
Ich liebe das Erstellen von Mindmaps. Zu Beginn ist alles ganz einfach: Wort um Wort mit Strich verbinden. Dann kommen Überkategorien. Aber irgendwann wird es platztechnisch ein wenig schwieriger. Die Mindmap ist so gut gefüllt, dass Begriffe, die einem einfallen, keinen weiteren Strich mehr bekommen können! (Kurzes Angeben an der Stelle – denn dann muss man sehr gut gebrainstormt haben!)
Naja, meine Lebens-Mindmap hatte relativ viele Striche, Formen und Farben. Sie sah ganz schön bunt aus – und heute würde ich sie anders designen. Ich habe ein paar neue Blickwinkel dazugewonnen, ein paar Farben ausgetauscht und möchte einige Überkategorien ändern, wenn ich so darüber nachdenke.
Je mehr ich vom Leben sehe, erfahre, begreife … desto kindlicher wirkt meine damalige Mindmap. Ich will sie einfach ein wenig verändern – ungefähr um den Grad, um den sich mein Horizont in den letzten Jahren erweitert hat.
Überarbeitung der alten Version
Ja, mittlerweile würde ich mir sogar deutlich mehr Mühe mit der Mindmap geben, die meinen Namen tragen würde. Und die Kategorie „Wer ich war“ würde sicherlich interessanter ausfallen als noch vor zwei Jahren.
„Vergiss nicht, wo du herkommst“ ist vielleicht eines der schönsten Mantras, die ich mir gerade sagen kann. Denn erst jetzt, mit ein wenig Abstand, erinnere ich mich daran, was für schöne Entscheidungen ich getroffen habe und in was für einem lebendigen Kontext ich schon immer existiert habe – nicht erst jetzt, wo ich die Lebendigkeit (die dauerhafte Veränderung des Kontextes) zu schätzen weiß.
Verallgemeinerung
Ich gebe zu, dass ich mich in den Himmel lobe – also nicht wirklich mich, sondern die, die ich mal war. Jemand, den ich heute nicht mehr kennenlernen kann. Eine Person, die ein Kapitel ihres Lebens bereits unwiderruflich geschrieben hat.
Der Blick in die Vergangenheit ist in meinem Fall süß wie Honig – und heute klebe ich ausnahmsweise ein wenig daran fest, wie es scheint.
Doch „vergiss nicht, wo du herkommst“ kann auch Verletzlichkeit, Stolz oder Ekel hervorrufen. Auch das sind keine schlechten Gefühlsausbrüche. Der Maßstab für die Qualität der Erinnerung ist vielmehr: Wie stark sind meine Emotionen? Denn je mehr Distanz da ist, desto intensiver ist das Gefühl – fast so, als würde man als außenstehende Person ein anderes Leben beurteilen.
Was ist so interessant an der Frage?
Ich habe mich ein paar Mal selbst vergessen.
Wie ein Baum, der denkt, er stünde auf Gras – doch eigentlich tragen ihn seine Wurzeln: feine Adern, die Erschütterungen spüren, die stützen, Energie liefern, die überhaupt erst Blätter wachsen lassen.
Wenn ich vergesse, wo ich herkomme, fühle ich mich manchmal, als würde ich mich selbst verraten – ohne es zu merken. Ein Verrat, für den ich nicht beschuldigt werden kann. Denn er passiert, ohne dass ich es mitbekomme. Irgendetwas hat mich manipuliert und von mir selbst entfremdet.
Aber sich zu erinnern, wie groß das eigene Leben war, wie häufig das eigene Lachen erklang und wie viele Probleme man bewältigt hat – das wirkt bedeutsam.
Ich würde sagen: Kein Vergessen war jemals ein Zustand, in dem ich mein Leben als „verschwendet“ bezeichnet hätte. Denn jedes Vergessen, das mich ein wenig von mir selbst entfremdet, bringt mich meinen Zielen näher.
Worum es bei „Vergiss niemals, wo du herkommst“ mehr gehen sollte, ist das große Ganze: die eigene Persönlichkeit, der Mensch, der man wahrhaftig ist.
Heute habe ich mich einmal wieder daran erinnert, wie viel ich eigentlich bin.
23 Lebensjahre erschaffen vielleicht kein Universum. Aber manchmal braucht es auch nur einen kleinen Stern – wenn ich einmal poetisch werden darf.
(… oder einen Klumpen Dreck, für die Nicht-Poeten )

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