
Weißer Raum,
Montag, 15. Sept,
Überforderung spüren
Auf einer Meta-Ebene-Humor ist es sehr amüsant, wie viel ich darüber nachgedacht habe, diesen Beitrag schreiben zu wollen. Zwei Mal begonnen, fünf Mal nachgedacht, ihn zu beenden – und doch passiert es erst heute.
Welche Ironie auf einer anderen Ebene dahinter steckt, ergibt sich für den neugierigen Leser zu einem späteren Zeitpunkt. Erst dann, wenn klar wird, welche Bedeutung hinter dem weißen Raum steckt.
Das Gefühl von Überforderung spüre ich als Kloß im Hals. Der sogenannte „Globus-Effekt“ – denn es fühlt sich an, als würde man eine Kugel groß wie der Globus dort haben, wo die Atemwege frei liegen sollten. Schweißausbrüche gehören auch regelmäßig dazu – sehr unangenehm. Sie sollten meiner Meinung nach gar nicht existieren, so sehr sträube ich mich gegen das, was ich spüre, wenn ich Angst bekomme.
Aber am präsentesten ist doch dieses Gefühl, wenn man die Hände zu Fäusten ballt. Man will schreien, ja gewalttätig werden und den Schuldigen finden – den es eben nicht gibt.
Überforderung zeichnet sich durchweg unterschiedlich ab. Einige Gefühle lassen sich über einen Kamm scheren, andere gehören ganz dieser einen Person. Und doch hoffe ich, meine Zusammenfassung ruft Erinnerungen an deine letzte überfordernde Situation hervor. Denn dann steuern wir direkt auf das zu, was meinen Umgang mit zu großen Entscheidungen ermöglicht.
Der weiße Raum als Bewältigungsstrategie
Der weiße Raum ist meine persönliche Methode einer Bewältigungsstrategie. Keiner will aktiv mit diesem Thema umgehen – aber sie werden benötigt. Und ich bin ehrlich, wenn ich sage:
Bring mich dazu, mich in dem weißen Raum zu visualisieren – und du gefällst mir!
Denn er ist eine bloße Metapher dafür, dass ich gezwungen wurde, aus meiner Komfortzone auszubrechen. Diese Situation tritt ein, wenn eine Entscheidung, die von mir getroffen werden soll, meinen Horizont übersteigt.
Das Gefühl der Ohnmacht, der Überforderung, und der Wunsch, der Verantwortung der Tragweite meiner Entscheidung zu entkommen, lösen diesen unangenehmen Gefühlszustand in mir aus.
Man spürt, wenn der weiße Raum gebraucht wird.
Gedankenexperiment: Der weiße Raum
Wenn die Grundbedingung der Überforderung einmal gegeben ist, taucht das Gedankenszenario automatisch auf, da es sich so häufig bewährt hat:
Ein leerer Raum mit vier weißen Wänden, einem weißen Boden, einer weißen Decke.
Ich stelle mir vor, wie ich in diesem Raum sitze, stehe oder umherspaziere. Auf einer psychischen Ebene hängt das sogar stark damit zusammen, wie sehr diese Frage mich knechtet. Ist sie bedeutsam und sorgt dafür, dass ich mich klein fühle, dann sitze ich in diesem Raum.
Damals, als ich mich für den Fortlauf meiner Karriere entscheiden musste, nachdem die Schule beendet war, saß in meinen Gedanken eine Version von mir auf dem Boden. Denn diese Entscheidung erzeugte in mir ein Gefühl von Ohnmacht.
Grundannahmen im weißen Raum
Zu dieser Visualisierung gehören einige wesentliche Grundannahmen.
Ich setze voraus, dass alles in diesem Raum zu mir als Mensch gehört.
Das bedeutet also:
Ich habe nichts.
– Keine Freunde
– Keine Güter (Geld, Wertgegenstände …)
– Keine Familie
– Keine Zeit (das Raum-Zeit-Kontinuum existiert nicht, denn die Uhr fehlt)
– Nichts.
Was das Experiment auslöst
So seltsam diese Vorstellung auch erscheinen mag, sie ist unglaublich effektiv in Momenten der Hilflosigkeit, wenn eine Entscheidung zu überfordernd wirkt.
Denn sie erinnert mich daran, wer ich bin, wenn alles um mich herum keine Relevanz hat.
Ich betrachte das Mädchen (mich), das dort sitzt, steht oder geht. Sie sieht immer klein und bedeutungslos aus. Naja, wie sollte es auch sonst sein? Ein Mensch ist nicht viel ohne Besitz und Beziehungen. Er ist angreifbar und auf sich alleine gestellt. Gut – habe ich akzeptiert.
Aber was ist dort noch?
Ich sehe ein Mädchen, das die Willensstärke besitzt, eine eigene Entscheidung zu treffen. Und ich sehe ihre Grundwerte. Sie hat Ziele, die sie sich vor langer Zeit gesetzt hat. Ich erinnere mich an diese Ziele. Und sie ist motiviert – sehr. Sie träumt viel. Dort hat sie längst die Hindernisse überwunden, vor die sie diese Frage gestellt hat. Ich sehe ein Mädchen, das aus eigener Kraft Großes erreichen möchte.
Was dann folgt, ist Klarheit …
Von der herabschauenden Vogelperspektive in die fühlende Froschperspektive wechselnd, hat sich bereits einiges verändert:
Die negativen Gefühle verschwinden in dem Moment, in dem man sich daran erinnert, wer man als eigenständiger Mensch eigentlich ist.
Die Frage wirkt nicht mehr groß – sie ist greifbar.
Und nachdem ich mir in Erinnerung gerufen habe, wer ich eigentlich bin, sind dort andere Verben, die ich heranziehe, um mich selbst zu beschreiben:
Neugierig, mutig, überzeugt, sicher, bescheiden, grenzentestend, ambitioniert, forschend.
Ein paar Sekunden zuvor gab es keinen Ast, an dem ich mich festhalten konnte. Und nun erinnere ich mich daran, dass ich der Baum bin, der sich selbst trägt.
Entscheidungen
Es ist eindeutig.
Wenn du mich fragst, was eindeutig ist, dann behaupte ich: jede Entscheidung. Das Einzige, woran es scheitern könnte, ist ein fehlender Umgang mit ähnlich bedeutsamen Entscheidungen.
Diese unangenehmen Fragen, diese Konfrontation mit sich selbst, das Kollidieren von Träumen und Realität – das haut uns alle um.
Ich habe für mich diese Methode gefunden und bin so zufrieden, dass ich sie gerne teilen möchte.
Neulich erst durfte ich hören: „Dir fällt es ja auch leicht, Entscheidungen zu treffen.“
Ich würde diese Unterstellung nicht verneinen. Aber gefragt, warum mir das Fällen von Entscheidungen so leicht fällt, wurde ich noch nie.
Ich hoffe, jeder Mensch findet eine Bewältigungsstrategie, die Herausforderungen zu erreichbaren Zielen umformt.
Und um auf den Anfang zurück zu kommen:
Der Fakt, dass ich die Entscheidung gefasst hatte, diesen Beitrag zu schreiben und dennoch nicht dazu gekommen bin, hat mich wahnsinnig gemacht. Denn ich habe mich gedanklich in den Weißen Raum begeben um überhaupt herauszufinden, ob ich dir von diesem Gedankenexperiment erzählen möchte! – und da die Entscheidung längst gefällt war, ist es fast absurd-witzig, wie lange es nach dem Fassen des Entschlusses gedauert hat, den Beitrag zu beenden.
(Metaphorisch übrigens stark, da es im Bezug auf wichtige Entscheidungen ebenfalls so laufen kann – hah.)

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