
Freitag, 26. Sept,
Emotionen Part 2: Überzeugungsarbeit und Erkenntnisse
Die Zweite Hälfte, auf die du schon gespannt warst! Part 2 enthält ein bisschen Ironie, ein bisschen Philosophie und viele Gedanken über Emotionen.
Überzeugungsarbeit
Die Werbebranche ist für mich die größte aller Fabriken, in der mit der Nicht-Verbundenheit des Menschen zu seinen Emotionen gespielt wird.
In Werbevideos werden Gefühlszustände vermittelt. Häufig (nicht ausschließlich – genau so häufig gerne auch Gelüste) werden Ängste angesprochen, die sich im Laufe von 30 bis 60 Sekunden scheinbar in Luft auflösen oder in gegenteilige positive Gefühle umschwenken. Ein banaler Gegenstand bekommt eine emotionale Bedeutung zugeschrieben.
„Du hast keine Zeit mehr weil deine Familie gleich kommt, doch der Hund hat seinen Futternapf durch die ganze Wohnung gepfeffert?
Hier, der neue XYZ Staubsauger nimmt alles in Sekundenschnelle auf.“
Kunde hat Zeitdruck und Versagensangst.
Staubsauger -> nimmt schlechte Gefühle und verschafft Erleichterung.
Kauf den Staubsauger, dann fühlst du dich besser.
Schon drei Wiederholungen in willkürlich aufeinander folgenden Werbeblöcken über einen Film verteilt genügen, und selbst der „emotionale Stein“ kauft.
Würde vor Wahrheit
„Die Kunst, recht zu behalten“ von Arthur Schopenhauer beschreibt, wie man Menschen unabhängig von objektiver Wahrheit von der eigenen Position überzeugt. Spannend ist seine Einleitung: Er erklärt, dass es in einer Argumentation nicht um die Wahrheit geht, sondern um Eitelkeit und Selbstbewusstsein.
Wann entstand in der Gesellschaft der Gedanke, dass Recht haben wichtiger sei als die Wahrheit zu sprechen?
Wann wurde der eigene Gefühlszustand wichtiger als „das Richtige zu tun“?
Ich glaube: in dem Moment, als Menschen beigebracht wurde, sie könnten wie Maschinen funktionieren: jeden Tag zur Arbeit erscheinen – auch kurz vor dem Burnout. Mit Ibuprofen Schmerzen in den „nicht stören“-Modus schalten wie das Handy. Tränen zurückhalten bis Bauchschmerzen und Übelkeit in einem emporsteigen, aber Hauptsache „ich weine nicht in der Bahn“.
Meine Einschätzung
Es ist fast unfair, Menschen vorzuwerfen, sie würden ihre Emotionen nicht kennen. Noch unfairer ist es, sie dafür schlecht zu nennen.
Ich habe gelernt, dass Emotionen immer da sind. Früher stürzten sie wie Wellen auf mich ein. Heute erkenne ich ihre Vorboten – bevor ich schreie, bevor ich weine, bevor ich kompensiere.
Ich habe verstanden: Emotionen brauchen Raum. Aber ich muss ihnen diesen Raum nicht immer sofort geben. Ich darf entscheiden, wann und wie.
Die Emotionen sind da – immer.
Für mich sind sie der Motor, der das Auto zum Fahren bringt. Also der Ursprung jeder Handlung. Oder in den Worten aus dem Part 1 gesprochen:
Und um einen kleinen Impuls zu setzen, überhaupt Lust darauf zu haben, seine Gefühle besser zu verstehen:
Manchmal ärgert man sich über eine Reaktion und versteht nicht einmal, warum man auf diese Art reagiert hat.
Man beleidigt einen Freund.
Oder wird stumm, wenn man sprechen sollte.
Oder man lacht, wenn es nicht angebracht ist.
Oder man reagiert vorschnell, weil man dazu gedrängt wird.
Viele emotionale Handlungen führen zu Ausgängen, die man sich nicht wünscht. Beispielsweise zerstreiten sich Menschen schneller oder Verträge werden unterzeichnet oder Klausuren nicht bestanden.
All sowas hängt stark mit der emotionalen Gefühlslage zusammen.
Manchmal wird so etwas ausgenutzt, manchmal überrollt es einen selbst ohne dass ein anderer Mensch etwas damit zutun hat.
In dem Modul „Ökonometrie“ durfte ich gerade Kausalitäten durchkauen.
Nach dem Motto „X und Y stehen in einem Kausalen Zusammenhang“, schauen wir uns ein paar Ausgänge an.
X: Gefühle
Y: Handlungen
X führt zu Y
Fall1: Ich habe Angst davor, zu versagen. Also prokrastiniere ich, denn so mache ich nichts falsch.
X: Angst
Y:Prokrastination
Fall 2: Ich bin unsicher, ob ich den Vertrag unterzeichne soll, aber kann ihn nur heute unterzeichnen – also mache ich es, um keine Chance zu verpassen.
X: Unsicherheit
Y: Vertrag Unterzeichnen
Fall 3: Ich bin wütend und konfrontiere den Freund direkt mit dem Grund dafür, der die Wut in mir ausgelöst hat.
X: Wut
Y: Konfrontation (also Streit entfachen)
In meiner Ökonometrie Vorlesung wird nun gesagt: wir nehmen uns X an die Hand, denn alle Y‘s können verändert werden, wenn wir etwas an X verändern. Es bringt nichts, Y zu verändern – denn Y ist nur das Ergebnis von X. Aber verändern wir X, dann werden in jeder Situation neue Y gewählt werden.
Lies die zwei letzten Sätze gerne nochmal. Wenn uns etwas auf dem Herzen liegt, sprechen wir mit Vertrauenspersonen wie der Familie oder Freunden darüber. In diesen Gesprächen erzählen wir meistens Y. Wenn Freunde uns Ratschläge geben, dann geben sie uns diese im Bezug auf Y.
Das einzige, was zählt, ist X.
Und weil ich noch nicht genug nachgebohrt habe, versenke ich jetzt dein Schiff und setze einen oben drauf, indem ich frage:
Spürst du, welche Emotion gerade dein Handeln lenkt – oder merkst du es oft erst im Nachhinein?

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