Prägung,

Museum der Helmut – Schmidt – Stiftung Hamburg

Prägung,

Sonntag, 30. Nov. 25

Garnicht konkret sei es dem armen Helmut Schmidt geschuldet, den ich nun als konkretes Beispiel heranziehen muss. Denn er ist kein Einzelfall, doch in diesem Moment sitze ich in dem Museum, das die Helmut-Schmidt-Stiftung ihm zu Ehren in Hamburg ins Leben gerufen hat.
Sehr liebevolle Worte in dem Besucherbuch, wohlgemerkt.

„Ich verehre Helmut + Loki sehr … es lebe die Demokratie und Menschenliebe“ (2.11.25)
„Einer wie er fehlt, gerade in dieser Zeit …“ (29.10.25)
„Ein wirklich großer Mensch, der Ideale vermittelte, lebte“ (8.11.25)

Diese Stimmen begleiten mich, während ich zwischen den Ausstellungsstücken sitze. Und doch frage ich mich:


Warum sammeln wir obsessiv Wissen über Menschen, die nicht mehr leben?

Ohne über einen Kanzler sagen zu wollen, er sei nicht wichtig gewesen – im Gegenteil. Ein Mensch, dem ein Museum gewidmet wird, hat eine Geschichte zu erzählen, die gehört und gesehen werden will.

Doch gleichsam frage ich mich, und gerade deshalb noch viel mehr:
Warum möchten wir Menschen nicht vergessen?

Warum reicht es der Welt nicht, dass ein Mensch sein Leben gelebt und Dinge getan hat? Wie kommt es zustande, dass einige Menschen niemals vergessen werden und der bloße Name zu einem Synonym wird, das für so viel mehr als einen Menschen steht?

Sie werden zu Verkörperungen von Eigenschaften, Momenten und Idealen, die Menschen faszinieren.


Wer bleibt ungehört?

Neben der mitreißenden Welle des Erfolges, die sämtliche Informationen über Helmut Schmidt anspült, sobald man die Tiefe des Wassers ergründen möchte, die sich hinter dem Namen eines Kanzlers verbirgt, existiert doch eine trocknende Wüste, die jeden Normalsterblichen verdursten lässt:

Die Nüchternheit, ein Mensch zu sein, der roh und ungehört bleibt.

Ich spreche von Menschen, die ebenso stark hinter ihren Worten stehen, wie Helmut Schmidt es tat.
Von Menschen, die den kategorischen Imperativ predigen, wie er es tat.
Von Personen, die genau so viel Erfüllung im Schachspiel fanden.
Von Menschen, die denselben positiven Zuspruch erhalten würden wie das Besucherbuch des Helmut-Schmidt-Museums – wenn man ihnen nur zuhören würde.


Warum bauen wir Ikonen statt Begegnungen?

Nicht nur dieses Museum, sondern auch der Gedanke an Marilyn Monroe – oder präziser: Norma Jeane Mortenson – weckte einige schlafende Gedanken in mir.

Warum neigt eine ganze Welt dazu, ausgewählte Menschen herauszunehmen und ihre Lebensgeschichte für Generationen aufzubereiten? Wir ehren Schauspieler mit Grammys, vergeben Nobelpreise, erschaffen Museen.

Menschen, deren intrinsische Motivation so groß war, dass sie über die eigene Erfüllung hinaus Bewunderung für das Verfolgen ihrer Ziele erhielten.

Die Welt belohnt Menschen dafür, ihren Weg zu gehen.

Und währenddessen wird mit dem Allgemeinwissen bereits beigebracht, dass der eigene Geist und der eigene Körper den Menschen nach dem erreichen gesteckter Ziele durch das Gefühl von „Erfüllung“ belohnen. Diesen Zustand erreicht insbesondere ein Mensch, der einen denkwürdigen Beitrag zur Gesellschaft geleistet hat.

So, wie es Menschen taten, deren Namen die Gesellschaft in Erinnerung behält.

Kant. Schmidt. Monroe. Merkel. Obama. Antoinette. Van Gogh. Tesla. Einstein. Newton. Galilei. Armstrong. Chanel. Lagerfeld. Da Vinci. Shakespeare. Ronaldo. Beyoncé. Swift.

Namen.
Ihre Definitionen werden zu Bildern, nach denen wir uns richten.


Machen uns Vorbilder ohnmächtig?

Wer kennt die Frage „Wer ist dein Vorbild?“ nicht?

Und obwohl diese Namen für Hoffnung, Erfüllung oder Strebsamkeit stehen können, erwecken sie allzu häufig eine Ohnmacht in uns Menschen, die gerade versuchen, ihr eigenes Leben zu leben.

Das Streben nach einem Leben, das über die menschliche Lebenszeit hinaus Bedeutung hat, verfolgt uns wie ein Schatten.

Oder besser:
Es ist unsere Blindheit.

So viele Menschen haben gelebt, die ohne es zu ahnen einen Beitrag zur Kulturerweiterung geleistet haben – durch ihre Individualität, durch ihren Ausdruck, durch ihr Sein. Und sie inspirierten Generationen, ohne dass sie je ein Museum bekamen.


Warum ich keine Vorbilder habe

Doch ich würde lügen, würde ich behaupten, dieses Übermaß an bedeutsamen Menschen würde nicht zu einer Ausbremsung meiner eigenen Persönlichkeitsentfaltung führen.

Um dennoch ein erfülltes Leben zu genießen, oute ich nun meine Einstellung:

Ich habe keine Vorbilder.

Es gibt keinen Menschen, zu dem ich aufblicke. Es schüchtert mich nicht ein, den Lebenslauf eines anderen Menschen zu sehen und zu begreifen, wie ausmaßend dieses Leben bereits verlief.

Denn in erster Linie möchte ich nicht vergessen, meine eigene Erfüllung zu finden.
Ich will beobachten und erkennen, will Schlüsse ziehen und verstehen.
Und gleichsam komme ich nicht umhin, meine Gedanken zu teilen – denn sie müssen aus meinem Kopf herausgetragen werden.


Was bleibt, wenn wir die Ideale loslassen?

Dieser Blogbeitrag ist eine Erinnerung daran, hinter den eigenen Ansichten, Ideen und Vorstellungen zu stehen.
Das Leben ist zu kurz, um nur die Leistungen anderer Menschen zu würdigen.

Es geht darum, sich selbst zu ergründen.
Die Tiefe in sich zu entdecken.
Nicht darum, das Leben eines anderen zu filetieren, zu zerstückeln und in seine Einzelteile aufzudröseln, um zu verstehen, wie dieser Mensch „groß“ wurde.

Wie wäre dein Leben, wenn du frei von der Prägung der vergötterten Menschen dieser Gesellschaft wärst?

Deine Zeit ist jetzt – nicht gestern und nicht morgen.


Anmerkung

Dieser Beitrag ist nicht als Degradierung großer Persönlichkeiten gedacht, sondern als Erinnerung, dass jeder Mensch für etwas Großes gemacht ist, wenn er sich von Ohnmacht, Angst und den Nebeneffekten aufgebauschter Ideale lösen kann.

Berühmte Persönlichkeiten sind Menschen mit Herzschlag.
Sie wurden von Müttern geboren, von Menschen großgezogen, von Lehrern geprägt und fanden irgendwann eine Leidenschaft.

Ich habe sie bewusst nahbar gemacht.
Denn die Vergötterung lässt sie unnahbar erscheinen – und damit wie etwas, das wir nie erreichen können.
Genau das hemmt Potentiale in uns allen.

Es ist leicht, in ein vorgefertigtes Idealbild passen zu wollen.
Doch ist das wirklich das, was wir brauchen?

Ich möchte ein Mensch sein, der vom aktuellen Zeitgeist geprägt wird und im Hier und Jetzt seine Persönlichkeit auslebt.
Ich lebe nicht im 19. Jahrhundert oder in den 80ern.
Ich kenne die Technik vom Jahr 2130 noch nicht.

Aber ich weiß heute alles, was ich wissen muss:
Wie ich mich fühle. Was mich leidenschaftlich macht. Wo ich lebe. Wie das Wetter heute war.

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