Das Gehirn als Projekt,

Das Gehirn als Projekt

Samstag, 6. Dez. 2025,

Hintergrund

„Habe nun, ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie!
Durchaus studiert, mit heißem Bemühen.
Da steh ich nun, ich armer Tor!
Und bin so klug als wie zuvor.“

– J.W. Von Goethe

Wenn ich sage, ich will verstehen, dann ist das mehr als eine halbherzige Ankündigung.
Ich rede davon, die Welt in ihrer Fülle wahrnehmen und begreifen zu wollen.

Ebenso schmal wie die Spanne zwischen einem Clown und einem Irren ist wohl die Spanne zwischen meinem Streben nach dem Begreifen und der Verzweiflung des armen Faust in Goethes „Faust, Der Tragödie erster Teil“.

Ich gebe zu, für mein Vorhaben einen roten Faden zu nutzen, der elastisch wie ein Gummiband ist.
Ja, es gibt keine Ordnung, keine Struktur oder überhaupt einen Plan für das, wonach ich im Leben strebe.

Die Wahrheit ist, dass die Neurowissenschaft auf einer tieferen Ebene meine Nerven kitzelt.

Als ich das erste Mal zu hören bekam, dass das Gehirn auch nur ein Muskel sei, der trainiert werden will, hat sich vieles für mich verändert.

Die physische Gesundheit – also die Stärke der Muskulatur – ist lächerlich leicht zu trainieren.
Ich schaute an mir herab und überlegte, wie lange es gedauert hatte, bis ich nach einer Sportpause wieder Veränderungen bemerkte: stärkere Beinmuskulatur, Bauchmuskeln, eine geradere Körperhaltung…

Der Körper verändert sich lächerlich schnell, sobald die Ernährung stimmt und das Level der körperlichen Betätigung ansteigt.

Das Gehirn ist ein Muskel.

Vergleichbar mit der Aussage „Sie sind bei der nächsten Mondmission dabei“ zündete eine Rakete in meinem Kopf und ließ mich all das überdenken, was ich in meinem Leben zu wissen geglaubt hatte.

Denn das Organ, das zu denken fähig ist, wurde als Kind nicht wissentlich von mir trainiert.
Das, was mich die Realität begreifen ließ, war nicht so ausgebildet, wie ich es mir wünschen würde
(eine nette Umschreibung von Dümmlichkeit, ausgelöst durch rein passives Gehirntraining).


Limitation

Ich behaupte, mich selbst limitiert zu haben.
Denn da war ein großer Gedanke, den ich fast als limitierten Willen bezeichnen würde:

„Mach das, was dir leicht fällt.“

Weshalb dieser Satz so prägend für mich war, kann ich nicht klar sagen.
Ich weiß nur, dass die Tätigkeiten, denen ich in meinen Routinen nachging, diesem Satz zugrunde lagen.

Wenn ich länger darüber nachdenke, fallen mir nicht viele Dinge ein, die mir leicht fallen.


Suche nach dem Widerspruch

Hm, also gut.
Ich gebe zu, ein bisschen seltsam zu sein.

Damit meine ich, dass ich eine bestimmte Form der Ungemütlichkeit in meinem Leben wünsche.
Um genau zu sein: durchschnittlich 50%.

Die Hälfte meiner Tätigkeiten soll durch Komfort, Stärken und Sicherheit bestimmt werden.
Und der verbleibende Rest, die anderen 50%, darf gerne ungemütlich, herausfordernd, überreizend sein.

Ich möchte, dass meine Nerven strapaziert werden und mein Geist vom Tag erschöpft ist.

Wenn ich behaupte, mein Alltag sei nicht langweilig, dann ist das sicherlich auf direktem Wege auf diese Praktik zurückzuführen.


Gehirn

Das Gehirn fasziniert mich zutiefst.

Es gibt nichts im menschlichen Körper, das nicht durch das Gehirn erfahren, gefiltert oder verarbeitet wird.
Alles wandert hindurch: jede Emotion, unsere Nahrung, der Sauerstoff, den wir atmen.

Es ist das mit Abstand interessanteste – und wohl auch am wenigsten erforschte – Körperteil in uns Menschen.

Bis heute können Träume nicht von der Technik 1:1 erfasst und wiedergegeben werden.
Was die Neuronen hin- und herfeuern, weiß nur der Mensch, der den Traum träumt.
Ja, selbst dieser Mensch erinnert sich an seine eigenen Träume meist nicht!

Was ist das für ein Muskel, der so komplex ist, dass selbst die Forschung nicht zu Ergebnissen führt, die uns endlich die ersehnten klaren Antworten liefern?


Wahrnehmen

Was ich seit geraumer Zeit mache, ist, Veränderungen in mir wahrzunehmen.

Ich habe gespürt, wie sich mein Denken durch das Studium gewandelt hat:

Früher:
künstlerisch, ungenau, sprunghaft, verträumt, lebendig, in Gedanken.

In intensiven Phasen des Selbststudiums:
ordentlicher, strukturierter, ruhiger, dauerhaft erschöpft, überlegend, ruhelos, nüchtern, angespannt, konzentriert.

Ich sage nicht, dass diese Feststellungen angenehm sind.
Ich möchte auch nicht behaupten, dass sie endgültig oder messbar wären – denn die eigene Wahrnehmung kann täuschen, wie wir wissen.

Doch ich darf annehmen, dass die Veränderung keine Täuschung ist, sondern tatsächlich in mir vor sich ging.

Seit Beginn des Studiums stelle ich viele Veränderungen in meiner Wahrnehmung fest.
Hm, na gut – für einen heranwachsenden Menschen ist es gesund, sich dauerhaft weiterzuentwickeln. Sicherlich passiert das auch in der passiven Form, in der es als Kind bei mir passierte – die Natur sorgt dafür.

Doch ohne ins Detail gehen zu wollen, betone ich noch einmal:
Das Gehirn ist ein Muskel.

Durch passives Training wandelt sich dieser Muskel, doch das aktive ist so viel effektiver.

Ein Jogger trainiert seine Bein- und Rumpfmuskulatur durch das Laufen.
Doch nehmen wir an, dass das eigentliche Ziel dieses Sportlers wäre, einen Wettkampf zu schwimmen – dann wäre das Training des Joggers nicht das richtige.

Und so ist das passive Ausleben meiner künstlerischen Leidenschaft, die als Kind von mir viel stärker gefördert wurde, da sie mir leichter fiel, nicht das, was mich an mein heutiges Ziel bringen wird.


Selbsteinschätzung

Wenn ich den Weg rekonstruieren müsste, den ich bis jetzt gegangen bin, würde ich mit der Frage beginnen:

Erinnerst du dich an deinen letzten Stärken-Schwächen-Vergleich?

Beginnend von diesem Punkt recherchierte ich ein wenig hier, ein wenig dort, welche Eigenschaften zur rechten und welche zur linken Gehirnhälfte passen.

Oh, Überraschung:
Ich stellte fest, dass ich meine rechte Hirnhälfte – also die kreative – passiv deutlich intensiver gefordert hatte als jene, die für Logik zuständig ist, also die linke.

Mit dieser Information im Hinterkopf begann ein dauerhafter Prozess des Aufzeichnens, des Notierens, des Verstehen-Wollens.

Ich habe begonnen, emotionale Stimmungswandlungen als Signale wahrzunehmen:

Ich fühle anders, wenn ich Klassik, Pop, Techno oder Brown Noise höre.
Ich achte auf andere Gegenstände in der Stadt, wenn ich aus der Kunsthalle komme vs. aus einer Vorlesung.
An manchen Tagen bin ich aufnahmefähiger, an anderen extrem stur und überzeugt von meinen instinktiven Entscheidungen.


Wofür das Ganze?

Warum erzähle ich von meinem Wahrnehmungsprotokoll?

Zum einen, weil ein bewusster Umgang mit den eigenen Emotionen die Voraussetzung dafür ist, ein solches Protokoll führen zu können.

Und da ich sehr intensiv über Emotionen berichte, möchte ich erzählen, wofür ich diesen Umgang privat nutze.

Zum anderen durfte ich erstaunliche Erfahrungen machen, was die plötzliche Fülle in meinem Leben angeht, seitdem ich meine Schwächen in Angriff nehme.

Dabei verfolge ich gerne die Taktik des Hebb’schen Lernens:
„Neurons that fire together wire together.“

Hierbei geht es darum, die Stärken zu nutzen, um schwächere neuronale Verbindungen zu fördern.

Bei mir wäre das etwa:

  • auswendig lernen in Songtextform (Formeln als Lyrics)
  • das Nutzen künstlerischer Ansätze, um rationale Informationen besser aufzunehmen
  • das Verknüpfen von Grafiken und mathematischen Inhalten (Plotten), um Funktionen intuitiver zu verstehen

Grenzenlosigkeit

Das Leben ist spannend, wenn man die Selbstgestaltung in die Hand nimmt.

Mit dem Ende der Suche nach ständigem Komfort ist etwas Überraschendes in mir passiert:
Die Welt wirkte wieder grenzenlos.

Nicht im Sinne von „Oh, es gibt vieles auf dieser Welt“.
Sondern im Sinne einer träumenden Vorstellung:

„Ich kann mich verändern – das bedeutet, durch intelligentes Training kann ich alles erreichen, was ich mir vornehme.“

Es sei angemerkt, dass ich seit dieser Erkenntnis bereits Schritte gegangen bin, die mich von dieser träumenden Erkenntnis zu weiteren geführt haben.

Doch ohne dieses Stadium der Träumerei minimiert sich der Filter, mit dem man beginnt, alles in sich aufzusaugen und uneingeschränkt die Vielfalt um sich herum wahrzunehmen.

Und das möchte ich nicht zerstören.

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