
Emotionale Intelligenz (empirisch),
Samstag, 18. Okt,
Der Herbst ist da
So wie jedes Jahr fallen die Blätter zu Boden.
Es riecht gut, behaupte ich – nach Moos, ein wenig würzig und irgendwie frisch.
Letzteres nicht bloß, weil es außerdem kälter wird.
Heute hätte ich mir gewünscht, eine dickere Jacke als meine Herbstjacke zu tragen.
Es ist kalt – echt kalt.
So wie das Laub zu Boden fällt, fällt auch die Motivation, neue Menschen kennenzulernen und die Nächte zu durchtanzen.
Wie jedes Jahr beginnt die Zeit der Reflexion.
Für den einen oder anderen mag die Konfrontation mit den eigenen Gedanken beängstigend und unliebsam sein.
Meine Augen beginnen zu strahlen.
Die gelb-orangenen Blätter leuchten alle samt für sich – schön wie der Sonnenuntergang.
Und in mir flammt die Vorfreude auf, die letzten Wochen ein erstes Mal richtig vor dem geistigen Auge als Film abzuspielen.
Emotionale Intelligenz
Ich möchte einen Bogen zu einem Begriff schlagen, den wir alle kennen –
und über den doch selten wirklich gesprochen wird.
Gerade jetzt, in dieser herbstlichen Zeit der Reflexion, wird er wichtiger denn je:
Emotionale Intelligenz.
Aus gesellschaftlicher Sicht scheint das Bild klar:
Emotional intelligente Menschen kommunizieren ruhig, bleiben in Konflikten gelassen,
urteilen nicht vorschnell, lästern nicht, handeln „ethisch korrekt“ –
was auch immer das heißen mag.
Manchmal wird Charisma direkt mit emotionaler Intelligenz gleichgesetzt.
Als wäre sie die Fähigkeit, immer ruhig, klar, vernünftig zu sein.
So.
Ich hoffe, keiner hier denkt, dass diese Spitze des Eisbergs schon das Ganze zeigt.
Denn wie alles auf dieser Welt beginnt auch dieser Prozess tief im Inneren.
Dort, wo niemand hinsieht.
Dort, wo es unordentlich, roh und ehrlich ist.
Ich bestreite nicht, dass die gesellschaftliche Definition ganz falsch ist –
aber sie reicht mir nicht.
Ich will mir nicht nur die Wasseroberfläche anschauen;
wie sie glitzert und funkelt, während die Sonne mit den Wellen spielt.
Mich interessiert die Titanic auf dem Meeresgrund.
Das Schiff, das jeder namentlich kennt, aber keiner je gesehen hat.
Ich will wissen, wie viele Räume es hat, welche Schätze dort liegen
– und ja – die Leichen zählen.
Die hässliche Wahrheit
Emotionale Intelligenz ist, um es ganz unverblümt zu sagen, hässlich.
Die Titanic sieht schön aus, denke ich mir –
bis all die Leichen zum Vorschein kommen.
So viele Opfer.
So viel verlorene Hoffnung.
Je tiefer man in die Geschichte eintaucht, desto mehr Schuldige tauchen auf.
Die Konstrukteure, die Crew, die Rettungskräfte.
Man kennt die Geschichte.
Und so schön die Liebesgeschichte von Rose und Jack mit ihrem feurigen Funken Leidenschaft auch ist –
sie verdrängt nicht die Hässlichkeit der Realität.
Im Bewusstsein des Menschen
Ich bin hässlich.
In meinem Inneren trage ich Wunden, ich fresse Trauer in mich hinein und habe unethische Gedanken.
Je mehr ich in mich horche und die Mauern der Verdrängung,
die Humor-Burgen mit ihren Sarkasmustürmen
und die Felder der „Weisheit“ durchschreite,
desto näher gelange ich an den düsteren Wald heran,
dessen Bäume all das verdecken,
was ich mir am liebsten nicht anschauen wollen würde.
Das ist es, was emotionale Intelligenz tatsächlich bedeutet.
Ich habe so viel Unvollkommenheit, so viel Aufgewühltheit,
Berge an Selbstzweifeln in mir gefunden.
Es war bitter – und hässlich.
Die Überraschung über mich selbst ließ keine andere Haltung zu als Wertungsfreiheit.
Ich dachte:
„Mich wird niemals jemand lieben können.“
Und merkte eine Sekunde später,
dass ich längst geliebt werde.
Was emotionale Intelligenz wirklich ist
Wenn mich jemand fragen würde, was emotionale Intelligenz tatsächlich bedeutet,
würde ich antworten:
Zu wissen, wie fehlbar die eigene Meinung ist.
Zu erkennen, dass das Ego mir ständig im Weg steht
und dass viele meiner Impulsreaktionen aus Selbstzweifeln,
aus Ängsten, aus alten Wunden entstehen.
Emotionale Intelligenz heißt,
zu begreifen, welche Gewalt die eigenen Worte besitzen –
und durch das Wissen um die eigenen Schwachstellen differenzierter handeln zu können.
Ich weiß, dass ich in mir drin ein schlechter Mensch sein kann.
Nicht, weil ich „gestört“ bin,
sondern weil dort Wunden existieren, die ich trage.
Meine sehen anders aus als deine.
Es geht nur darum, zu wissen,
welche Form sie haben,
wie tief sie sind,
und wie viel Narbengewebe für Gefühlstaubheit sorgt.
Die stille Erkenntnis
Das ist es, worüber kaum jemand spricht.
Aber ich erkenne diese wissende Verletzlichkeit.
Ich sehe sie in den weichen Augen von Menschen,
die sich mit sich selbst auseinandersetzen.
Und ich sehe die unerschütterliche Verdrängung
in den verkniffenen Lippen und den ernsten Falten derer,
die glauben, sie seien gute Menschen.
Wunden hat jeder – und sie machen etwas mit uns.
Emotionale Intelligenz bedeutet,
seine eigenen Wunden zu kennen
und zu verhindern, dass man dieselben Narben weitergibt –
weder an Familie, noch an Freunde,
noch an Arbeitskollegen oder fremde Menschen.
Am Ende
Ich stelle an mich den Anspruch, zu verstehen,
wann mir Leid zugefügt wurde
und was genau das in mir ausgelöst hat.
Es geht um Verständnis und Akzeptanz der eigenen Person –
besonders jener Erinnerungen,
die ich niemals auf einem Bild festhalten würde.
Sie sind weit entfernt von der Definition von Ästhetik,
die in der Gesellschaft existiert.
Schade, denke ich.
Denn jeder fragt sich,
wie man emotionale Intelligenz verbessern kann.
Aber alle betrachten nur die feinen Herrschaften, wie sie heute sind.
Keiner weiß, dass sie zuvor jahrelang im Matsch gewühlt haben.



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