
Neben der Tanzfläche
15. August 2026, 00:25 Uhr
Ein Sänger, der über Menschen singt, doch mehr als das redet er über sie, versteht sie.
Es braucht nicht unbedingt einen Sänger, um mir das Gefühl zu geben, andere Menschen würden ihre Mitmenschen genauso hingebungsvoll verstehen wollen. Aber es waren die Melodien und Instrumente, die mich ganz anders haben fühlen lassen.
In den vergangenen Wochen habe ich aufgehört, verstehen zu wollen. Vorher habe ich beobachtet, gespürt, nachvollzogen, wie mein Gesprächspartner gefühlt hat. Ich tat es, weil es mir wichtig war.
Aber – und das möchte ich ungern zugeben, doch es ist wahr – seitdem ich ein, zwei, drei Mal von ein, zwei, drei Menschen verletzt wurde, kam eine neue Frage dazu.
„Wie fühle ich mich mit dem, was passiert?“
Nicht die Songs auf dem Konzert auf diesem Festival haben dazu geführt, dass ich von „verstehen wollen“ zu „Selbstwahrnehmung“ gewechselt bin. Aber ein Cello, das tiefe Töne spielt. Und ein Urlaub, in dem fremde Menschen freundlicher waren als vertraute Personen, die Freiheit, endlich Abstand zu meinem Studium genießen zu können … die Summe aller aufaddiert ergibt ganz selbstverständlich das, worüber ich reden möchte.
Eigentlich dachte ich, ich sei kein Mensch, der Wut und Frustration einem Menschen gegenüber empfinden könnte. Ja, eigentlich – aber welchen Teil habe ich überhört, unterdrückt, übersehen? Denn er sagt vieles über mich.
Ich bin freundlich, denn ich freue mich gerne. Und interessiert, denn du, lieber Leser, interessierst mich – deine Geschichte, deine Weltansicht. Du erstaunst mich mit all deinen Facetten. Und oft vergesse ich, dass es neben dir noch einen Menschen gibt, der sich im Gespräch deshalb verbiegt: mich.
Ich habe gerade gelernt, sauer sein zu dürfen. Besser spät als nie, sage ich mir. Denn früher wäre es vielleicht unkontrolliert gewesen. Doch heute, da bin ich vorsichtig und eher glücklich als traurig. Das erwachsene Ich darf sich immer neu kennenlernen, erlaube ich mir. Gleichzeitig weiß ich, dass es kein „Ich kenne mich“ geben wird.
Ich genieße es, traurig und wütend zu sein. Ich brauche es, zu zicken und sage gerne „Nein“.
Denn ein erwachsener Mensch hat Ecken und Kanten, das merke ich immer mehr. Und wer Ecken und Kanten hat, der schürt niemals vor Facettenreichtum an Emotionen zurück. Und so auch ich nimmermehr.
Falls dich diese Worte interessiert haben, dann weiß ich, dass du auch lieber nett als unfreundlich bist. Doch möchte ich, dass du dich in erster Linie nie verbiegst und deine Werte nicht vergisst. Die Norm, nach der du lebst, entstand nicht einfach so. Sie ist da, weil du der Mensch bist, der du sein möchtest. Und mit den Worten „Du wirst schon deine Menschen finden“ möchte ich den Beitrag stehen lassen und für heute verschwinden – auf die Tanzfläche, neben der ich diesen Beitrag geschrieben habe.
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